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„Bei uns ist jetzt einfach alles Pop und das ist irgendwie geil“ – im Gespräch mit Jeans for Jesus8 min read

22. Januar 2020 6 min read

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„Bei uns ist jetzt einfach alles Pop und das ist irgendwie geil“ – im Gespräch mit Jeans for Jesus8 min read

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Sie machen Pop und finden es aube au easy wenns grusig isch doss: Jeans for Jesus kehren nach einer zweijährigen Konzertdurststrecke endlich mit einem neuen Album im Gepäck auf die Bühnen der Schweiz zurück. «19xx_2xxx_» erscheint am 24. Januar und wird uns mit synth-lastigem, zeitgenössischem Sound versorgen. Wir haben die Jungs vor der Pre-Release Show im Südpol getroffen und durften sie über das WG-Life und den Ausbruch aus der helvetischen Wohlfühloase befragen.

Ein gefüllter Club, perfekt abgestimmte Lichtelemente und einfahrende Beats, die den ganzen Raum füllen. Ein geglücktes Comeback der Berner Musiker. Sowohl die älteren Klassiker wie «Estavayeah» und «Wosch no chli blibä», als auch neue Releases der vergangenen Monate und natürlich Stücke aus dem anstehenden Album geben sie zu ihrem Besten und das Publikum feiert es. Man merkt, wie viel Aufwand und Vorbereitungszeit im gesamten Set steckt – es ist eindrücklich, wie sie selbst die elektronischsten Stücke mit E-Drums und einem Synthesizer Set-up live spielen. Auch der Gastauftritt von Levin vom Duo Hainan ist ein Highlight und lässt (obwohl er durch den Textspick etwas unbeholfen wirkt) auf zukünftige Features hoffen.

Einige Stunden vorher ist man noch mitten in den Vorbereitungen. Wir sind nicht die einzigen, die am Freitagnachmittag mit den Jungs von Jeans for Jesus reden möchten. Ihr Programm ist voll und wir platzen mitten ins Mittagessen, während dem noch angeregt logistische Aspekte der anstehenden Show besprochen werden. Trotzdem werden wir offen von der sympathischen Gruppe empfangen und Mike und Philippe nehmen sich Zeit für uns.

Im Gespräch mit Jeans for Jesus

frtwk: Ihr hattet eine Woche lang Residenz im Südpol. Wie war euer Tagesablauf ungefähr, was habt ihr gemacht?

Mike Egger: Yoga! Zuerst immer vier Stunden Yoga.
Philippe Gertsch: Wir sind alle immer ungefähr um halb Neun aufgestanden und sind ins Yoga in der grossen Halle. Mätteli haben wir mitgenommen, denn unsere Tourmanagerin ist ja yogafanatisch. Sie fand, dass wir keinen guten Ausgleich hatten am Anfang der Residenz. Das hat uns sehr gutgetan.

ME: Jetzt haben wir nichts geprobt aber sind sehr relaxed. Also nein, so hätten wir es eigentlich machen wollen. In Wirklichkeit hatten wir aber einen sehr tighten Ablauf.

PG: Letzten Donnerstag haben wir angefangen und das gesamte Bühnenset abgecheckt. Wir haben mit einem Architekten zusammengearbeitet, der das Bühnenbild entworfen hat. Etwa zwei Tage gingen für das drauf, bevor wir mit den Proben begonnen haben. Parallel dazu haben wir die gesamte Tontechnik gemacht. So waren wir immer von morgens um elf bis zwei oder drei in der Nacht beschäftigt.

ME: Wir waren ja in der Südpol WG und haben versucht, ein kleines WG-Life zu entwickeln. Manchmal war es gut, manchmal hat es weniger gut geklappt.

PG: Es hat immer jemand gekocht und wir sind gerne zusammengesessen zum Essen, wie im Ferienlager. Wir sind jetzt «tourproof» und ready fürs Unterwegssein.

frtwk: Dann fühlt ihr euch nun auch bereit für heute Abend?

PG: Für heute Abend glaube ich schon. Es ist die erste Show mit einem total neuen Set-up und vielen neuen Stücken. Das letzte Konzert, das wir gespielt haben, war ungefähr vor zwei Jahren. Dementsprechend sind wir sicher auch etwas nervös, aber wir freuen uns sehr!

ME: Etwas mehr üben müssen wir schon noch, aber wir geben heute einfach unser Bestes.

PG: Wir müssen noch herausfinden, wie es ankommt – was funktioniert und was nicht. Da waren wir in der vergangenen Woche schon daran, jetzt können wir es live testen.

Mike Egger und Philippe Gertsch im Südpol Bistro. Bild: Vanessa Galindo

frtwk: Warum ist die erste Show denn gerade in Luzern und nicht in Bern, wo ihr zuhause seid?

ME: Wir haben ja in Luzern unser allererstes Konzert gespielt beim 3FACH Kick Ass Award. Das war eine absolute Katastrophe, aber durchaus lustig. Darum kommen wir jetzt wieder «nach Hause». Und auch die Residenz ist natürlich Grund, warum wir hier sind. Das kann man nicht an vielen Orten.

PG: Genau, es hat ja hier diese Wohnung wo wir schlafen, kochen und leben können. Und natürlich den Club benutzen! So waren wir auch total fokussiert und dachten uns nicht «Ah, ich könnte heute Abend noch dorthin gehen» oder hatten noch dieses und jenes vor, wie es bei den letzten Malen immer war.

ME: Das ist immer etwas das Problem, wenn wir uns in der Schweiz treffen wollen. Deshalb sind wir für das Album auch immer ins Ausland, sonst muss nämlich immer irgendjemand hier noch an eine Vernissage oder hat da Training. Schlussendlich hat jeder noch 15 Dinge und man hat sich die Zeit für nichts reserviert. Hier war das nicht der Fall.

frtwk: Ihr spielt heute wieder in einem Club, nachdem ihr bereits diverse grosse Festivals wie das Openair St.Gallen oder den Gurten bespielt habt. Was mögt ihr lieber?

PG: Ich spiele lieber Clubshows, weil das Publikum näher ist. Openair-Stages haben natürlich auch ihren Reiz, da man sehen kann, wie sich grosse Mengen mitbewegen. Aber der Bühnengraben hat etwas Komisches an sich. Ich denke mir immer, ich könnte auf der Bühne einfach irgendetwas machen und es wäre scheissegal.

ME: In den letzten Jahren haben wir viele Festivals kennengelernt, die so ein Mittelding waren. Die grossen sind schon so wie es Phippu beschrieben hat. Wir waren aber auch eingeladen ans Non-Openair in Meggen – das war sehr schön. Oder das Sur le Lac. Diese kleinen, intimen Festivals sind ähnlich wie im Club.

frtwk: Ihr macht «ästhetische Musik mit berndeutschen Texten, die sich aber nicht schweizerisch anhören». Habt ihr es euch schon überlegt, englische Texte zu schreiben, international zu gehen und reich zu werden?

 frtwk: Wie macht ihr denn neue Musik? Hat jemand eine Idee und ruft allen an, um ein Treffen zu organisieren? Oder macht ihr Termine ab und sitzt zusammen, um etwas auszuprobieren?

PG: Das neue Album ist wirklich total in der Cloud entstanden. Jeder hat etwas unabhängig voneinander gearbeitet. Das hatte auch damit zu tun, dass wir alle in den vergangenen zwei Jahren an verschiedenen Standorten waren. Jeder hat Skizzen und Ideen reingebracht und wir haben mit einer Art Pingpong System gearbeitet. Ideen wurden übernommen und weiterentwickelt, andere wurden verworfen. Grundsätzlich war es bei diesem Album so, dass Mike und Demi eine Idee hatten, diese mir und Marcel zeigten und vielleicht auch gleich eine Art Moodboard machten oder sogar Dinge bereits anproduzierten. Wir haben das dann weiterentwickelt. Auf der anderen Seite war es auch so, dass Marcel und ich musikalische Skizzen machten, die beim Schreiben inspirierten. Diese vielen Ideen haben auch dazu geführt, dass wir am Schluss ziemlich streng kuratieren mussten.

frtwk: Auf eurem neuen dreiteiligen Release «127.0.0.x» singt ihr «Weis nid was i söu, Jus odr Fine Arts oder BWL». Habt ihr euch das auch schon gefragt oder war es für euch immer klar, was ihr machen wollt?

PG: Bei mir war das irgendwie nie der Fall. Ich wusste immer mehr oder weniger, was ich will und was mir Spass macht. Ich habe schon immer gerne gestaltet und designed, habe das an unterschiedlichen Schulen und Studiengängen dann auch verwirklichen können und arbeite nun auf diesem Gebiet. Natürlich verstehe ich es aber auch, wenn es einem nicht so geht.

ME: Also ich denke nicht, dass diese Line auf mich bezogen ist. Ich habe aber damals in meiner Jugend einen Entscheid treffen müssen, den ich mir gut überlegen musste. Phippu hat ja eine Lehre gemacht und ich wusste nach dem Gymer, dass ich studieren möchte. Für mich war es so, dass man entweder etwas macht, das einem zwar flasht, es dafür aber schwieriger ist danach auch einen Job zu finden – oder aber du machst ein Studium, dass dich anscheisst, dafür kann man zum Teil danach einen cooleren Job machen. Also das mit dem Jus war doch ernst gemeint. Leute in meinem Umfeld fanden, dass Jus zwar ein scheiss Studium ist, man danach aber Menschen damit helfen kann. Ich habe damals mit vielen Leuten darüber geredet und schlussendlich Dinge studiert, die mich auch interessieren.

„Dann machst du halt Fine Arts oder BWL, egal, der Mensch verändert sich ja dadurch nicht“

Diese Line referiert für mich aber eher auf den Arbeitsmarkt und wie er halt genau so funktioniert. Niemand weiss mehr, was rentiert. Ein klassisches Beispiel ist das KV: Auf einmal sind alle so nervös, da man nicht weiss, was man in 10 Jahren noch arbeiten kann. Irgendwie machen wir uns damit auch etwas darüber lustig, dass eben die Menschen, die Fine Arts studieren oder Musik machen (wie wir selber) als cool und kreativ gelten. Ich versuche mich aber damit zu befassen, dass das ein Entscheid ist, den man einmal trifft – und dann machst du halt Fine Arts oder BWL, egal, der Mensch verändert sich ja dadurch nicht.

frtwk: Findet ihr das gut, wenn ihr als Popband betitelt werdet? Auch wenn Pop häufig auf «mainstream» reduziert wird?

PG: Ich sehe das nicht so eng. Für mich ist das ein Begriff, der sehr viel zulässt. Von dem her finde ich es auch ganz okay.

ME: Ich finde es lustig, wie sich Dinge in den letzten 10 Jahren so stark verändert haben und trotzdem noch in diesen Schubladen gedacht wird. Letztens haben wir in einem Interview über Rap geredet und ich habe mir danach überlegt, dass ich dem, was wir besprochen haben, intuitiv auch Pop sagen würde. Bei Indie stellt sich auch wieder die Frage, wie das definiert wird. Ich finde, bei uns ist jetzt einfach alles Pop und das ist irgendwie geil.

Tickets zur Tour findet ihr hier und ein musikalischer Vorgeschmack in der untenstehenden Playlist. Es lohnt sich, reinzuhören!

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Ein Interview von Miriam Abt und Vanessa Galindo
Anzeigebild: Matthias Guenter