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Like a Sailing Stone – Eine radikal subjektive Erzählung in gebliebenen Eindrücken. 

4. Juni 2019 6 min read

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Like a Sailing Stone – Eine radikal subjektive Erzählung in gebliebenen Eindrücken. 

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In der Region Dahmani (Tunesien), bekannt höchstens durch die Ruinen der antiken Stadt Althiburos, fand vor knapp zwei Monaten die zweite Ausgabe des Wanderfestivals „Sailing Stones“ statt; wobei „Festival“ nicht ansatzweise weit genug greift, um das Zusammentreffen der Kulturen auf rund 900 Höhenmetern zu beschreiben. Die folgende Fotoreportage von Julia Foster nimmt dich mit auf eine Reise an das wohl coolste Festival der Welt.

 

Auch gute sechs Wochen nachdem mich der öffentliche Transport wieder am geographischen Ausgangspunkt ausgespuckt hat, bin ich noch immer nicht wieder ganz zurück – so dachte ich zumindest. Langsam dämmert mir, dass „zurück“ nie das Ziel war.

Es ist ein bisschen so, als wäre das Sediment meiner kognitiven und mentalen Landschaft in Bewegung geraten und die wahr-Nehmung organisiert sich neu – zum Beispiel: Morgens um 7h30 riechen die Arkaden von Bern nach Asphalt und Seife. Ist mir noch nie aufgefallen, bis es eben morgens um 9h in Tunis nach allem roch. Und auch: bevor der Himmel platzt und der Regen losfällt, da riecht es in Bern und in Tunesien genau gleich.

 

Auf dem Weg vom am Meer gelegenen El Hammamet im Norden Tunesiens nach Dahmani, einem Städtchen auf rund 620m über dem Meeresspiegel. Der Bus rollt rechts ran: „Le bus est fatigué“ – der Bus sei müde – wird uns beschieden und so legt man eine Rast ein, bis das Vehikel seine Kräfte gesammelt hat und die letzten Kilometer unter die Räder nehmen mag.

La Maison des Jeunes

Die Maison des Jeunes in Dahmani ist Basisstation und Schlafplatz für die Zeit der Residenz in der gut 30 Autominuten entfernt gelegenen Grotte d’Althiburos. Morgens wird man an manchen Tagen von Kinder- und Jugendlichengeschrei in den Tag geschubst, an anderen Tagen ist es still. Ich versuche mir vorzustellen, wie es für die Kinder und Jugendlichen wohl sein mag, in der gewohnten Umgebung plötzlich eine Horde europäisch-individualistischer Musiker vorzufinden und finde erst nach einer Woche kalten Duschens heraus, dass der Hahn für das Warmwasser einfach in die andere Richtung als gewohnt hätte gedreht werden müssen, nämlich Richtung blau.

 

Auf dem Dach der Maison des Jeunes von Dahmani ist man dem Himmel sehr nah.

 

Selbstportrait mit Horde individualistischer Musiker

 

Multitasking und dabei cool aussehen mit Bit-Tuner

 

 

La Grotte d’Althiburos

 

Youssef Chebbi, einer der drei Gründer des Sailing Stones Festivals, spielt Air-Drums in den Ruinen von Althiburos. Die Ruinen von Althiburos sind von eindrücklicher Schönheit und störrischer Eleganz gerade auch in ihrer Ungeschütztheit – ausser einem Zaun liegt nichts zwischen dem neugierigen Besucher und dem Zeitzeugen der Menschheitsgeschichte –  und unmusealen Unbekümmertheit mitten in der Landschaft stehend.

 

Die vom Bildenden Künstler Ammar Belghith geschaffene Anlage „Grotte d’Althiburos“ wird für fünf Tage zum Zuhause für die chaotisch-lustvolle Kreativexplosion der Sailing Stones Residency. Ich selber finde nach wie vor keine Worte der Beschreibung und lasse deshalb Henry David Thoreau für mich sprechen: „All good things are wild and free“.

 

 

Ammar Belghith

 

Ammars Geschichte: Aufgewachsen ist der Maler ebendort, wo er heute die Aktivitäten um die Grotte d’Althiburos dirigiert; jahrzehntelang arbeitete er rund um den Globus, bis er Ende der 90er Jahre nach Tunesien zurückkehrte und die Grotte und die zugehörige Farm Stück für Stück in ein offenes Sanktuarium für Künstlerisches Schaffen umzuwandeln begann. Die ganze Geschichte von Ammar kannst du hier lesen.

 

Ammars Bruder, Mitte 70, Anarchist und Freund starker Zigaretten. Kommt ab und zu vorbei, um Ammar ein paar Tage Gesellschaft zu leisten.

 

Das Tor zum Reich der „Grotte des Artistes“.

 

Die Münder der Grotte, das Reich von Ammar Belghith mit Atelier und Ausstellung.

 

 

Der Himmel scheint ein bisschen näher als gewohnt.

 

 

Während die Schafe grasen, klettern die Geissen auf den Bäumen rum.

 

 

Von morgens bis abends quillt aus irgendeinem Winkel immer Musik.

 

Die wunderbare Claire Bowmann, Musikerin und Malerin, bannt geduldig ihre Eindrücke mit dem Pinsel auf Papier.

 

 

Das Festival

 

Ursprünglich war geplant das Festival als Open Air auf dem Gelände der „Grotte d’Althiburos“ durchzuführen. Aufgrund der Temperaturen um die 4° bei Regen und Wind, wird die Location kurzerhand in eine nahe gelegene Restaurant-Anlage verlegt.

 

Der in spontaner Selbstorganisation diverser Menschen stattfindende Aufbau der Festival-Location bringt alle zusammen: Crew, Bands, Freunde, Gäste und Mitarbeiter der Restaurant-Anlage legen gemeinsam Hand an.

 

 

Youssef Chebbi, Mitbegründer von Sailing Stones, und sein Telefon sind so unzertrennlich wie Mörtel und Ziegel.

 

Marcel Bieri und Hazem Aounallah bei einer der zahlreichen Lagebesprechungen. Marcel Bieri (Denker und Visionär, unter anderem für B-Sides, Other Music, Say Hi!) ist neben Thomas Kuratli (Pyrit) federführend für das Zustandekommen der Reise der Schweizer Delegation nach Tunesien.

 

Hazem Aounallah, Mitbegründer von Sailing Stones: Zahnarzt, Bassist und eine Stimme so vielfältig wie der Wind – von lauer Abendluft bis Orkan ist alles möglich.

 

Der zum Zeltplatz umfunktionierte Umschwung der Restaurant-Anlage beherbergt ebenfalls einen Spielplatz. Heimlich nenne ich ihn den Spielplatz from Hell und habe ein bisschen Angst davor.

 

 

With a Rebell Yell, We Cry More More More

Im Unterschied zur übersättigten Schweizer Live-Musik Szene, sind Konzerte – ganz besonders Gitarren-Musik-Konzerte – eine rare Sache in Tunesien. So lassen sich sicherlich die gewaltigen Energien erklären, welche während der Konzerte freigesetzt werden vom Publikum.

 

One Sentence. Supervisor

 

Lord Kesseli and the Drums

 

Lord Kesseli and the Drums

 

Asbest

 

Rwayekbeurd

 

10-20 Project

 

Das Publikum

 

Auch in Tunesien trägt man knöchelfrei

 

Faces of Sailing Stones

 

 

 

Artikel: Julia Foster
Bilder: Julia Foster
Mehr Infos zum Sailing Stones findest du hier