Gesellschaft Interviews Kultur Musik

„Make Some Room“: Ein Mammutprojekt der Schweizer Electronica-Szene während COVID-196 min read

8. April 2020 4 min read

Autor*in:

„Make Some Room“: Ein Mammutprojekt der Schweizer Electronica-Szene während COVID-196 min read

Reading Time: 4 minutes

Kaum jemand hätte erahnen können, was sich in den letzten drei Wochen in der Welt der elektronischen Musik in der Schweiz getan hat. Als Antwort auf die Corona-Krise haben Kulturschaffende aus der ganzen Schweiz das Projekt „Make Some Room“ auf der Plattform von „ClubCultureCH“ lanciert, welches 131 Tracks von Schweizer Künstlerinnen und Künstlern präsentiert.

Seit einigen Wochen bleiben Schweizer Kulturlokale geschlossen. Auch die Clubszene steht still. Zumindest, was physische Veranstaltungen in Lokalitäten angeht. Diverse Livestreams sind dieser in den letzten Tagen online gegangen, um die Kultur- und Festsüchtigen zuhause auf dem Sofa zu füttern und um die in Not gekommenen DJs und DJanes zu unterstützen. Teilweise gelingt es den Veranstaltern gar, mit einer vertretbaren Qualität des Streams eine wohlig-festliche Atmosphäre im Internet und somit in den Schweizer Stuben zu verbreiten. Als Credo gilt Flexibilität und Spontanität.

„Durch die Krise sind sämtliche künstlerischen Grenzen gefallen.“

Jannik Roth von Planisphere, Projektleiter „Make Some Room“

Nun sind Ideensprösslinge gefragt. Beispielsweise der Basler Jannik Roth, welcher im Gespräch mit frachtwerk von dem Gemeinschaftsprojekt erzählt, welches er mit verschiedenen Schweizer Kulturschaffenden lanciert hat. In Form einer Kooperation haben Initiant Bjørn Schaeffner von ClubCultureCH, einem Projekt, welches sich intensiv mit der Schweizer Clubszene auseinandersetzt, und Matthias Appell (Decalé Records), 150 Künstlerinnen und Künstler dazu veranlasst, insgesamt 131 Songs zu produzieren. Diese sind seit gestern auf verschiedenen Streaming-Plattformen verfüg- und kaufbar.

Relativ reibungslose Abwicklung dank jahrelanger Erfahrung

„Alles lief sehr spontan ab. Wir haben mithilfe des Netzwerks von verschiedensten Personen aus allen Regionen der Schweiz unzählige Künstlerinnen und Künstler anfragen können, sodass jetzt eine unglaubliche musikalische Vielfalt entstanden ist.“, meint Roth. Jede und jeder von ihnen habe ein eigenes Netzwerk, welche alle gemeinsam zu einer grossartigen Fusion vereint zu sein scheinen. So erzählt der Basler weiter: «Eine solche Fusion wäre im Normalfall niemals möglich gewesen. Künstlerinnen und Künstler definieren sich oft über eine ästhetische Abgrenzung und erzeugen so eine enorme stilistische Breite. Durch die Krise sind sämtliche künstlerischen Grenzen gefallen, alle stehen näher zueinander.»

Es scheint beinahe unmöglich zu sein, innerhalb von drei Wochen mit 150 verschiedenen Künstlerinnen und Künstler ein solch umfangreiches Projekt zu lancieren. Dank der langjährigen Erfahrung in der Musikszene seien die Prozesse aber bei allen ziemlich routiniert abgelaufen, sodass einzig der Zeitfaktor eine grosse Herausforderung darstellte. „Klar gab es Stolpersteine! Die Handhabung mehrerer paralleler Prozesse war für uns eine Herausforderung, der wir uns stellen mussten. Wir konnten diese aber ziemlich gut bewältigen.“

Ein grosses Zeichen von Solidarität aus allen Ecken

Selbst Partnerinnen wie die Fondation SUISA und Pro Helvetia zeigen sich im Rahmen dieses Projektes sehr flexibel. Lange Gesuche blieben aus, die Solidarität in dieser aussergewöhnlichen Situation obsiegte. „Dieses Gefühl ist sehr speziell.“, meint der Basler Kulturschaffende und Leiter des Projekts weiter. „Die Idee stiess überall sofort auf Anklang und wir konnten das Projekt ohne grosse Hürden realisieren“. Nebst der unbürokratischen Abwicklung von Prozessen in dieser Zeit spiele laut Roth aber auch die gute Vernetzung und der Aspekt, dass „mehr Schweiz in einem Projekt nicht geht“ sicherlich auch eine Rolle.

150 Schweizer Künstlerinnen und Künstler stellen eine ganze Menge wichtiger und zurzeit unter der Situation leidende Menschen dar. Doch es sei die Frage erlaubt, wieso genau diese 150 Personen das Glück hatten, von diesem Projekt profitieren zu dürfen. Roth meint dazu gegenüber frachtwerk: „Wir haben keine Relevanzanalyse durchgeführt. Alle haben ihr grosses Netzwerk von teilweise bis sehr professionellen Musikerinnen und Musikern angefragt. Bei mir selber kam es bei zirka 50 Prozent der Anfragen zu einer Zusammenarbeit.“ Die einzige Rahmenbedingung zur Einsendung, sei der Anspruch auf die aktuelle Thematik des „Home Listening“, mit der man die kuratorische Eingrenzung erzielen wollte, gewesen. So musste da und dort der Clubknüller dem mehr ins Programm passenden Track den Platz in der Playlist überlassen.

Das „Electronic Relief“ ist seit Dienstag online

„Normalerweise werden Tracks, welche neu herauskommen, mehrmals mit dem Label und anderen Akteuren analysiert und besprochen. In diesem Projekt haben wir aber ziemlich speditiv entschieden, ob ein Lied für uns stimmt und in den Kontext des Projekts passt.“, so Roth weiter. Dies habe viel Vertrauen in die Künstlerinnen und Künstler, welche mitmachten, benötigt.

Seit gestern Dienstag sind die Plattform und die Playlist nun online. Die ersten Resonanzen der Musizierenden, des virtuellen Publikums und der Medien sollen überaus positiv ausgefallen sein. «Trotzdem braucht es jetzt weiterhin eine sorgfältige Nachbearbeitung der Compilation und weitere Arbeiten, die erledigt werden müssen. Fertig sind wir noch nicht!», so Roth.

Die Betroffenen werden unterstützt

In der Medienmitteilung des Projekts wird beschrieben, dass 100 Prozent des Erlöses, welcher sich aus Fördergeldern und den Spenden der Hörerinnen und Hörer zusammensetzen, an die Betroffenen gehen. Im Interview mit dem Organisator des Projekts ergab sich ein noch nicht ganz finaler Beschluss, wie ausgedehnt der Kreis der Adressaten der Unterstützung ist. So stehen die Künstlerinnen und Künstler an erster Stelle, doch auch Personen wie Roth, welche einen Fulltime-Job im Kulturbereich haben, sind von der Krise gleichermassen betroffen. Fest steht, dass diejenigen Personen von der Unterstützung profitieren können, welche wirklich darauf angewiesen sind. Es wird jeder teilnehmenden Person freigestellt, ob sie den Beitrag in Anspruch nehmen oder dem Kollektiv zur Verfügung stellen möchte.

Musikalischer Hochgenuss

Die musikalischen Facetten der Compilation sind vielschichtig. Und das ist es auch, was das Projekt speziell macht. Egal ob technoider Sound, welcher jeden im virtuellen Club anwesenden Mensch zum Tanz verleitet, oder eine verstrickte Klanglandschaft, welche fernab von bekannter, gängiger Rhythmik und Melodie ist, im Projekt „Make Some Room: Electronic Relief in Switzerland“ werden die vielseitigen musikalischen Querdenkerinnen und Querdenker der Schweiz für einmal gemeinsam zu einem grossen Team. Und es ist genau das, was die jetzige Zeit von uns verlangt.

Hier geht es zur Soundcloud-Compilation: https://soundcloud.com/clubculturech/sets/make-some-room-compilation

Folgende Acts sind in der Playlist vertreten:

808Hz, Agonis, Aïsha Devi, allreal, Amygdala, AM Khamsaa, Androo, Atrice, Audio Dope, Avem, Azul Loose Ties, Baby Val & L.D.R, Belia Winnewisser, Ben Fay, Ben Kaczor, Bigeneric aka Marco Repetto, Bit-Tuner, BOBDOG, Bruno Spoerri, Buvette, Carlos Perón, citron citron, Cosmic Love Tier aka. Kneubühler, Dadaglobal, DJ Laxxiste. A, Deetron, Dejot, Domenico Ferrari, ELi LiNE, Elisabeth Thimm, Estebahn, Fall, Feldermelder, Fels, Florin Buechel, Frank Spirit, FSS, Fu & Rolf Saxer aka Ryhop, Galoppierende Zuversicht, Gray Chalk, Hatari, Hendrik Van Boetzelaer, hihatrider88, HOVE, Horowitz, HTN, ida leto, Idealist & Andaloop, IOKOI, Jaguar on the Moon, Jolly, Jennifer Azorian, Jokari, Kalabrese, Kombé, Kronos, Kväll, Layer V, Lexx feat Sarah Palin, Levent, Lool2Luul, Luca Durán, LOKD, Lokke, Los Pashminas, Lumpex, Mafou, Magda Drozd, Mark Lando, Markus Kenel & Irène, Martina Lussi, Mastra, Mehmet Aslan, Melodiesinfonie, Michal Turtle, molekühl, MOTO GUCCI, Morizio Lemano, Morphing Territories, Mukuna, Mystic V, n0n+, Natalie Froehlich, Neu Verboten, Nic as Well, Night Talk, Nina Nana, Niton, Noria Lilt, NS Kroo, NVST, Noémi Büchi, Nouveau Mexique, Onur Ozman, OneFootStep feat Mona, Otis Ango, Pablo Color, Parco Palaz, Pascal Viscardi, Patrick Becker, PJ Wassermann, Prioleau, Pyrit, Ramin & Reda, Ripperton, RougeHotel, Salmon-Elle-Ose, Savage Grounds, sch_tsch, Seduction, Simon Grab, Slon, Slow Glass aka Le Frère, Somatic Rituals, Sonja Moonear, Than Lin, The Mountain People, Thomas Fehlmann, Tissu, Torchon & Ganj, Trash Mantra, Tresque, Trillion Tapeman, truckthomas, Varuna, Vighil, Wandler, Weith, Yanling, YELLO (remixed by Ian Tregoning), Yolek. 

Über folgenden Link gelangt ihr auf die Website von ClubCultureCH, wo auch die wichtigen Donations getätigt werden können: https://covid19.clubculture.ch/de/

 

Bild: pexels.com