Kolumne Kultur

Mic, der Türsteher – kaffee, kippe, konversation4 min read

16. Dezember 2019 3 min read

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Mic, der Türsteher – kaffee, kippe, konversation4 min read

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Wenn man eine*n Raucher*in fragt, was denn das Gute am Rauchen sei, dann würde diese*r vermutlich darauf antworten, dass es die Gespräche sind, die man beim Rauchen führt. Ich gehe dieser Aussage auf den Grund. Mit offenen Ohren, Feuerzeug und meinem treuen Aufnahmegerät treffe ich mich mit verschiedensten Menschen auf Kaffee und Kippe.

Heute treffe ich mich mit Mic, Mitte 40. Er ist einer der Türsteher des Clubs in dem ich als Barkeeper arbeite. Wir treffen uns auf der Königstraße in Stuttgart und holen uns bei einer bekannten Cafe-Kette unseren Kaffee. Ich erkenne ihn schon von Weitem: er ist gerade mal etwas über eins-siebzig groß, dafür aber gefühlt genauso breit. Mic hat schwarzes, langes Haar, das zu einem Zopf zusammengebunden ist, das jedoch an den Seiten kahlrasiert ist. Dazu ist er voll tättowiert, sogar auf einer Schädelseite prangt ein Schriftzug. Seine wettergegerbte Haut, sein gesamtes Aussehen und seine ruhige Art haben dafür gesorgt, dass einige Stammgäste ihn liebevoll nur “den Indianer” nennen.

Alles in Allem sieht Mic wie ein Mensch aus, mit dem man eigentlich keinen Stress anfangen will. Vermutlich ganz praktisch bei dem Job. Den macht er jetzt auch schon 25 Jahre, da hat Mic “schon vieles, aber noch nicht alles” gesehen. Eine richtig üble Massenschlägerei zum Beispiel noch nicht. Er sehnt sich aber auch nicht wirklich danach, das nachzuholen. Dafür kann er etliche Geschichten erzählen. Zum Beispiel von einer russischen Band, deren Manager sich mit der Gage abgesetzt hatet und die daraufhin nach ihrem Auftritt eher den gesamten Club zusammenschlagen wollten, als zu gehen.

Was mich besonders interessiert ist, ob man als Türsteher schnell in Vorurteile reinrutscht.

“Das passiert schon mal. Das sind aber hauptsächlich Erfahrungswerte. Also bei Punks kannst du einfach davon ausgehen, dass die auf jedes Wort hören, das du sagst. Oder reiche Leute behandeln dich von oben herab, weil, ‘du bist halt Angestellter’. Und grundsätzlich ist in jeder Gruppe ab drei Leuten ein Arschloch dabei.”

Stelle ich mir interessant vor, diese These: es gibt also in jeder Gruppe einen gewissen Idiotenanteil.

“Ja genau. Und bei manchen Leuten bin ich dann einfach vorsichtiger. Andere lasse ich nicht rein, einfach weil sie nicht ins Publikum passen. Ist ein Bauchgefühl. Ich hab ja immer nur ein paar Sekunden um Leute einzuschätzen. Mittlerweile geht das ganz gut. Nach zwei Metern die jemand auf mich zu läuft, weiß ich meistens, dass die Person Stress machen wird. Ist übrigens egal, ob das Männer oder Frauen sind.”

Also frei von Sexismus. Idioten sind Idioten. Finde ich gut, schließlich vertrete ich selbst immer die These, dass es egal ist, woher ein Mensch kommt, egal welches Geschlecht man besitzt oder als welches man sich identifiziert – manche Menschen sind Idioten, andere eben nicht.

“Und Idioten sind multikulturell. Man kann sich da nicht auf die Hautfarbe verlassen, nur weil einer weiß ist und der andere schwarz. In der Regel ist dann der Weiße das Arschloch.”

Ein simples, aber schönes Weltbild, das Mic da vertritt. “Manche sind Idioten, die kommen nicht rein, andere nicht, die schon”. Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn alle so denken würden. Wobei vermutlich nicht mal alle Türsteher so denken.

“Nee, bei Türstehern kommen Rassismus und Diskriminierungen immer wieder vor. Solche Vorwürfe bleiben auch nicht aus. Wenn du einen “maximal Pigmentierten” nicht reinlässt, bist du direkt Rassist, oder Nazi. Selbst wenn du da mit einem Antifa-Sticker rumstehst. Wenn jemand ausfällig wird, dann kommt er nicht rein. Wenn jemand ganz normal diskutieren würde, vermutlich eher schon. ‘Die beste Art in den Club reinzukommen ist den Türsteher zu beleidigen’ denken sich anscheinend manche Leute. Verstehe ich nicht.”

Ist natürlich auch eine super Taktik, den Türsteher, nachdem er einen nicht reinlässt, ihn zu beleidigen. “Dann lässt er mich bestimmt rein” oder was denken sich die Leute da? Die ein bis zwei Abende, an denen ich nicht reingelassen wurde, hab ich mich einfach verpisst. Wenn Türsteher einem sagen, dass man zu betrunken ist, ist man es vermutlich auch.
Ich bedanke mich bei Mic für das Gespräch und laufe durch die Innenstadt zu dem Club in dem ich arbeite. Dort findet heute eine “Assi-Schlager”-Veranstaltung statt. Mal gucken, wie hoch die Idiotendichte heute ist.