Gesellschaft

Philipp Ruch – Ein höflicher Provokateur7 min read

5. Mai 2020 5 min read

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Philipp Ruch – Ein höflicher Provokateur7 min read

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Ein Gastbeitrag von Valerie Zaslawski

Der Leiter des Zentrums für politische Schönheit, Philipp Ruch, kämpft mit dem Vorwurf des Grössenwahns; er würde gerne einen Genozid verhindern und damit in die Geschichtsbücher eingehen. Bisher hat der Aktionskünstler sein Ziel nicht erreicht, doch provozieren tut er bis aufs Blut.

Wer Philipp Ruch treffen möchte, der braucht vor allem eines: Geduld. Der Leiter des Zentrums für politische Schönheit (ZPS) scheint ein gefragter Mann zu sein. Die von ihm und seinem Künstler-Team geplanten Aktionen gegen Genozide, Flüchtlingsabwehr oder politische Untätigkeit schlagen jeweils ein wie eine Bombe – und versetzen nicht nur Tierschützer in Aufruhr: So sollten Tiger inmitten von Berlin Flüchtlinge fressen, Tote wurden vor dem Kanzleramt begraben, und die Schweiz sollte „entköppelt“ werden. Ihr letzter Streich ist noch nicht lange her – wo in der deutschen Hauptstadt früher die Krolloper stand, errichtete die Sturmtruppe vergangenen Dezember ein mit Asche gefülltes Holocaust-Mahnmal. Der nächste Streich wird folgen.

Kurz bevor die Corona-Krise Fahrt aufnimmt, klappt es dann doch noch mit dem vereinbarten Treffen. Es ist der erste warme Frühlingstag im hektischen Berlin Mitte, die Sonne wirft ihre Strahlen direkt auf die Büros. Ruch öffnet die Tür. An einem langen Tisch nimmt er Platz und bietet Tee an. Social Distancing hat sich noch nicht in unser aller Bewusstsein eingebrannt.

Ein Blick in die Zukunft

Höflich ist er, der gross gewachsene 40-jährige Mann, und freundlich. Auch wenn die von ihm produzierte politisch radikale Kunst alles andere als nett sein möchte. Er wird als Provokateur wahrgenommen. Selbst sagt er dazu: „Ich bin es, der sich von der Wirklichkeit provoziert fühlt, wenn ich an die europäischen Grenzen oder aufs Mittelmeer blicke, wo täglich Menschen sterben.“

Die Schweiz, wo er seine Jugend verbrachte, habe ihn geprägt, sagt er – und zwar nicht nur in Sachen Höflichkeit. Ruch ist 1981 in Dresden geboren, vor der Wende kam er mit acht Jahren nach Bern, sein Vater Schweizer, die Mutter Deutsche. Für ihn, ein Kind der DDR, sei der Umzug damals in jeder Hinsicht „ein Kulturschock“ gewesen. Was den Wohlstand betrifft, habe sich die Schweiz angefühlt wie ein „Blick in die Zukunft“. Er sagt: „Ich habe die Schweiz immer als sehr kosmopolitisch wahrgenommen.“ Die Auslandberichterstattung, erinnert er sich, habe in der Publizistik einen wichtigen Platz eingenommen und ihn, einen leidenschaftlichen Zeitungsleser, in seiner Denke und Arbeit beeinflusst. Seinen aussenpolitischen Blick sollte er beibehalten.

Auch sein ausgeprägtes Interesse für den Holocaust wurzelt in dieser Zeit. In der Schweiz sei Gleichheit stets betont und der Mensch in den Mittelpunkt gestellt worden. Während des Geschichtsunterrichts habe der Völkermord ihn, als in Deutschland Geborener, besonders berührt. „Ich habe es ernst gemeint: Nie wieder Auschwitz!“ Jüdisch ist Ruch nicht – und mit Identitätsdebatten kann er ohnehin wenig anfangen. Er sagt: „Ich halte es mit Gleichheit radikal.“

In Bern studierte Ruch, der mittlerweile Vater zweier Kinder ist, an der Handelsschule und arbeitete später bei einer Filmpromotionsfirma in Zürich. Bis 2003 blieb er in der Schweiz, danach zog es ihn zurück nach Deutschland, nach Berlin, wo er an der Humboldt- Universität ein Studium der politischen Philosophie absolvierte.

„Die Wirklichkeit ist das Theaterstück“

Bevor Ruch 2008 das ZPS gründete, machte er einen Abstecher in die Politik, als Mitglied der SPD. Seine Mitgliedschaft dauerte indes nicht lange. Die Partei habe alles getan, um sie ihm madig zu machen, sagt er. Ruch sei damals ein „von Ideen sprühender junger Mann gewesen“, der eine Denkfabrik innerhalb der Partei gründen wollte. Doch dafür habe man keine Verwendung gehabt. Am Untergang der SPD fühle er sich nun mitschuldig. Er meint, er hätte etwas verändern können, hin zum Guten, seine Energie dort investieren.

Vielmehr stampfte Ruch seinen eigenen Think Tank aus dem Boden, das heutige Zentrum für politische Schönheit, welches um die 3000 Mitglieder zählt, auch Komplizen genannt. Zum künstlerischen Kernteam gehören an die 70 Personen.

Ruch half mit, den erweiterten Theaterbegriff zu etablieren, gemeinsam mit den Schweizer Künstlern von Rimini Protokoll oder Milo Rau. Seine Stücke spielen nicht in einem Theatersaal – „die Wirklichkeit ist das Theaterstück“. Er produziert Aktionskunst, wobei die Reaktionen auf die Aktionen genauso zur Kunst gehören wie die Aktionen selbst. Das Zentrum für politische Schönheit, so Ruch, stelle sich dabei nicht zwischen das Werk und die Zuschauer.

Am Anfang, erklärt er, sei es um „Ahnungsarchitektur“ gegangen, Ahnungen sollten in Akte politischer Schönheit umgebaut werden. Politische Schönheit hat laut dem Leiter mit Ethik zu tun. Es gehe um schöne Politik im griechischen Sinn, um gute moralische Politik, die Menschen im Mittelmeer nicht ertrinken lässt. In der heutigen Zeit seien tausende Akte politischer Schönheit möglich, würden aber nicht vollbracht, weil nicht gewollt.

Für ihre Arbeit hörten die Künstler auf ihr „Grummeln im Bauch“. Aus diesen Grundimpulsen würden neue Ideen geboren. Ruch und sein Team wollen „Entwicklungshilfe für Deutschland leisten“, politische Lösungen vorweg nehmen. Ruch sagt: „Parallel zur Bundesregierung betreiben wir nobelpreiswürdige Aussenpolitik.“ Die Projekte sollten sich aber nicht allein auf Deutschland beschränken, auch wenn der Fokus im Moment gerade wieder stärker darauf liegt, weil der Konservatismus die Demokratie bedrohe, wie Ruch findet.

Dass diese Bedrohung nicht von allen gleich stark empfunden wird beziehungsweise empfunden wurde, zeigte die Reaktion auf das letzte Projekt, das mit Asche gefüllte Mahnmal auf dem Gelände der Krolloper. Das Zentrum erntete viel Kritik, viel Kopfschütteln – auch von liberalen Kräften. „Das schmerzt“, sagt Ruch, der sich für die Aktion entschuldigt hatte. Dem ZPS wurde vorgeworfen, zu spalten. Konkret hiess es, sie hätten die jüdische Totenruhe nicht respektiert, wobei unklar ist, ob sich in der Säule überhaupt Überreste jüdischer Holocaust-Opfer befanden.

Ruch ist überzeugt, dass sie mit der Aktion zu früh waren, einmal mehr. Denn nur wenige Monate nach der Aufregung hätten die Ereignisse im Februar in Thüringen, wo die FDP, CDU und AfD gemeinsam für einen Ministerpräsidenten stimmten, klar gemacht, dass die Gefahr, auf die das Zentrum aufmerksam machen wollte, real sei.

Ihm gehe es mit seiner Kunst um Aufklärung und Machtkritik, sagt Ruch. Dabei sei die Wirkung der Aktionen nicht zu unterschätzen. Das ZPS schiebe Bewegungen an. Beispielsweise sei die Nichtregierungsorganisation Sea Watch gegründet worden, nachdem das Zentrum mit der Aktion „25 Jahre Mauerfall“ auf die Situation an den Aussengrenzen der EU aufmerksam gemacht habe.

Im Zweifel für die Gerechtigkeit

Für ihre Aktionen gehen die Künstler weit, nehmen Rechtsbruch in Kauf. Zumindest, sagt Ruch mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen: „Damit haben wir kein Problem.“ Vor Gericht habe er noch keinen Fall verloren, sei nicht vorbestraft. Vielmehr habe das Zentrum für politische Schönheit selbst Rechtsgeschichte geschrieben – im Fall Höcke, 2017. Damals bauten die Künstler vor dem Haus des rechtsextremen AfD-Politikers ein Mahnmal, nachdem dieser das jüdische Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet hatte. Das bahnbrechende Urteil habe die Kunstfreiheit geschützt und ihr den Weg frei gemacht, wie es die Verfassung vorsehe, freut sich Ruch. Die Persönlichkeitsrechte beziehungsweise das Recht auf Privatsphäre von Höcke mussten zurückstecken.

Ruch würde weit gehen, um Gerechtigkeit durchzusetzen. Im Zweifelsfall, sagt er, sei er denn auch kein Pazifist. Frieden und Gerechtigkeit sei nicht immer das Gleiche – und manchmal müsse man sich entscheiden. Als Künstler ohne politische Verantwortung könne er sich für die Gerechtigkeit entscheiden. Er fügt hinzu: „Ich weiss zu viel über Völkermord und wie er sich verhindern lässt, um Pazifist zu sein.“ Ausserdem: „Auschwitz ist nicht vom Roten Kreuz, sondern der Roten Armee befreit worden.“

Ruch möchte selbst auch gerne einen Genozid verhindern und damit in die Geschichtsbücher eingehen, was ihm bereits den Vorwurf des Grössenwahns eingebracht hat. Ein bisschen Grössenwahn gehöre indes dazu, rechtfertigt er sich. Den Syrienkrieg habe er nicht verhindern können, aber der nächste folge (leider) bestimmt bald.

Für seine Aktionen beweisen er und sein Team viel Biss. Ruch sagt: „Es gibt kein Glück, es gibt nur Verbissenheit.“ Er zitiert Matthias Liliental, den Leiter der Münchner Kammerspiele: Der grosse Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg sei Penetranz. Und er ergänzt: „Charmante Penetranz.“

 

Bild: Gene Glover