Interviews Konzerte Kritiken Musik

Synthesizer-Performerin Enyang Ha im Interview an der Bad Bonn Kilbi

6. Juni 2019 4 min read

Autor*in:

Synthesizer-Performerin Enyang Ha im Interview an der Bad Bonn Kilbi

Reading Time: 4 minutes

Wir trafen Enyang Ha am vergangenen Freitagabend im Backstage-Bereich an der Bad Bonn Kilbi zum Interview. Die gebürtige Südkoreanerin produziert mit einem umfangreichen Synthesizer-Set-up technoide, experimentelle, elektronische Musik. Im Gespräch mit frachtwerk erklärte sie, weshalb sie keine klassische Musik mehr macht, worauf es beim Mastering ankommt und wie sie an Synthesizer-Module gelangt. Weiter unten erfährst du, wie ihre Live-Synthesizer-Performance im Bad Bonn Club war. 

Gregory Li: Trittst du zum ersten Mal in der Schweiz auf? 

Enyang Ha: Ja, in der Schweiz ist es das erste Mal. Ich bin erst durchgefahren, habe noch nie hier gespielt.

GL: Wie ist die elektronische Musikszene in Südkorea?

EH: Ich bin mit 14 Jahren von Südkorea weggegangen und das ist sehr lange her. Seither war ich nie wirklich in der Szene, also kann ich dir nicht wirklich eine klare Antwort geben, aber ich ging manchmal hin und ich spielte auch in Korea und deswegen habe ich das Gefühl, dass es einen sehr familiären Vibe hat, es ist nicht zu gross. Es ist kein Ort, wo Leute hingehen, um so ernste Erfahrungen zu machen. Es ist ein Ort, wo man ausprobiert und wieder mal hingeht, aber das ist kein so starkes Erlebnis wie in Berlin, wo ich jetzt lebe.

GL: Lebst du dort mit Jan (er war auch anwesend beim Interview)? 

EH: In Berlin leben wir zusammen, ja. Wir sind verheiratet. Er ist Musiker, er spielt Schlagzeug. Er ist temporärer Manager.

GL: Ihr spielt aber nicht live zusammen, oder?

EH: Dieses Mal nicht, aber er ist auch ein guter Musiker, also manchmal spielen wir zusammen Musik. Wir haben auch ein gemeinsames Projekt und unsere Musik kam vor ein paar Tagen raus, sie heisst Orbital Plane.

GL: Du spielst live mit Synthesizer. Welche Synthesizer hast du?

EH: Ich habe modulare Systeme, es sind verschiedene Teile, die du zusammen verbinden kannst, um den Sound zu schaffen, den du genau willst. Ich patche verschiedenartig, damit du genau den Sound machen kannst, den du haben möchtest. Ich habe verschiedene modulare Synthesizer in einer grossen Box und ich benütze meine Stimme als Instrument, ich singe viel mit koreanischem und englischem Text. Und die Drumbeats, die die Leute zum Tanzen bringen, kommen manchmal hinzu. Alles ist aus Synthesizer, alles aus organischer Elektrizität.

GL: Wenn du dir das Line-Up der Bad Bonn Kilbi 2019 anschaust, welchen Act würdest du am liebsten erleben?

EH: Morgen spielt Connan Mockasin, eine meiner Lieblingsbands. Wir werden morgen zurückkommen und noch einen Tag hierbleiben, um diese Band zu sehen. Ja, das ist wirklich schöne, empfehlenswerte Musik – langsam und psychedelisch.

GL: Woher hast du deine Synthesizer?

EH: Ich kann einen kleinen Teil bestellen, alles vom Internet. Ich mag es, gebrauchte Teile auf Internet-Purchase-Websites und von einer guten Person zu kaufen. Sie verkaufen meistens innerhalb Europa und dann kaufst du dir eins nach dem anderen alles, was du brauchst, für deinen Bedarf. Ich brauche also einen Delay-Effekt, dann gehe ich online und suche nach einer Person die den Delay-Effekt vom Modul verkauft, den ich suche.

GL: Wann hast du zum ersten Mal probiert, auf einem analogen Synthesizer zu spielen?

EH: Das war dreieinhalb Jahre her. Vorher machte ich mehr klassische Musik, aber spielte nicht herum, ich ging nicht auf Tour, machte keine EP und alles rund herum. Und dann entschied ich vor dreieinhalb Jahren, es mit analogen Synthesizern zu probieren.

GL: Du hast klassische Musik studiert. Wie kommt es dazu, dass du jetzt elektronische Musik machst?

EH: Ich kann mich besser ausdrücken. In der klassischen Musik spielst du oft so, wie es geschrieben wurde. Die Musik ist geschrieben und du musst den Moment rekreieren, aber die Musik ist verlangend. Mit elektronischer Musik gibt es keine wirklichen Grenzen und ich kann Musik schreiben, ohne an Regeln oder Voraussetzungen zu denken, ich kann einfach so schreiben und spielen wie ich will.

GL: Neben deinem momentanen Projekt spielst du klassische Musik, oder nicht?

EH: Nein, wir machen Orbital Plane, ich mache mein Solo-Projekt, ich mastere Musik als Mastering-Ingenieurin.

GL: Machst du das beruflich? 

EH: Das ist meine Leidenschaft und das was ich für immer tun werde. Das ist auch mein Beruf. Das Mastering ebenfalls. Es ist mein Interesse; ich würde es nicht Beruf nennen.

GL: Ah, ich dachte, du würdest das in einem Studio machen. 

EH: Ja, Mastering-Ingenieurin; in einem Studio mache ich Musik-Mastering.

GL: Welchen Ratschlag würdest du Leuten geben, die mit dem Mastering von Musik beginnen?

EH: Ich denke, Hören ist wirklich das Beste. Beim Mastering denken die Leute oft, es sei sehr technisch und man solle durch den Standard-Vorgang gehen, wie Surgical EQ, Color EQ, Compression, Limiter. Nein, ich denke, es geht wirklich um das Hören und mit einem Ergebnis herauskommen, das du hören willst. Da muss eine Art Gleichgewicht des Sounds oder Farbe des Sounds sein, den du hören willst und du hörst wirklich einfach genau hin und versuchst es in diese Richtung zu machen und ich denke die Schwere der Balance jeder Frequenz ist sehr wichtig. Jeder Song hat den perfekten Goldenen Schnitt vom Gleichgewicht der Frequenzen zu haben. Das heisst, es muss beständig vor dir sein, nicht dass der Song vor dir herumfliegt, sondern wirklich stabil, sodass der Song vor dir tanzt, wirklich beständig. Also um diese Balance zu erreichen, schneidest du oder boostest du EQ’s und formst die Frequency-Balance in dieses Gebilde.

GL: Wo produzierst du deine Tracks?

EH: Diese Woche haben wir es von zu Hause aus gemacht und nächste Woche ziehen wir um in ein Studio im Funkhaus, es ist in Berlin. Also nächste Woche werden wir unsere Dinge zum Funkhaus zügeln und produzieren die Musik dort.

 

Enyang Ha’s Live Synthesizer Performance begann im Bad Bonn Club in dem auch bereits Bands wie IDLES oder Kikagaku Moyo aufgetreten sind.

Nun, der gelungene Start blieb aus, vor allem für die, die nicht gerade neben den Boxen standen. Von der vis-a-vis gelegenen Bühne schallten nämlich Klänge von Black Midi herüber. Wer sich jedoch die Mühe machte, darüber hinwegzuhören und den analog eingespielten, elektronischen Tönen zu folgen, entdeckte den Mut der Künstlerin, längere Zeit sphärische Klangabfolgen einzuspielen, die an atmosphärische Pads und FX herankamen, um dann zur rechten Zeit abwechselnde Kick-Rhythmen beben zu lassen, die durch Mark und Bein gingen. Sie fügte ihrem Klanggebilde ihre koreanischen Textzeilen hinzu. Es war auffallend, wie sie keine wirklich konstanten Melodien oder Geräusche hatte.

Die meiste Zeit über war sie aber damit beschäftigt, etliche Rädchen zu bedienen und Kabel umzustecken. Enyang Ha war sehr experimentierfreudig und schien neue Klänge zu erschaffen und nicht auf eine Tracklist zurückzugreifen. Zusammenfassend eine intensive Performance mit hohem Volumen bei den Bassfrequenzen und Originalität bezüglich der Melodie-Kreation.

Bilder: Jan Rucki