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Vom Barbiersalon des Vaters bis zur Spitze der Royal Academy of Arts – J.M.W. Turner im Kunstmuseum Luzern5 min read

21. Juli 2019 4 min read

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Vom Barbiersalon des Vaters bis zur Spitze der Royal Academy of Arts – J.M.W. Turner im Kunstmuseum Luzern5 min read

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Schwanenplatz Luzern, Samstagnachmittag, kurz vor Vier. 
Ein Menschenmeer durchflutet die Gassen der Luzerner Altstadt. Es schäumt, überschlägt sich und versickert langsam in den naheliegenden, von der Gentrifizierung noch unversehrten Gebieten. Mehrere Millionen Touristen besuchen jährlich die Innerschweizer Stadt mit deeinzigartigen Landschaft.  

Um 1842, als die Gassen noch nicht mit Uhrenläden übersäht waren und Luzern noch ein Kaff war, gastierte der britische Maler J.M.W Turner mehrmals im Hotel Schwanen am Schwanenplatz im heutigen Café de Ville. Die Landschaft hatte es ihm angetan, im Besonderen die Lichtstimmungen die er auch mehrmals direkt aus seinem Hotelzimmer gemalt hat mit dem Luzerner Seebecken und der Rigi. In Zusammenarbeit mit der Tate Gallery sind im Kunstmuseum Luzern nun die Gemälde des rebellischen Ausnahmekünstlers zu bestaunen.  

Joseph Mallord William Turner, A Swiss Lake, ca. 1841, Aquarell und Bleistift auf Papier, 25.1 x 36.7 cm, © Manchester Art Gallery / Bridgeman Images

 

Zeiten des gesellschaftlicheUmbruch  

J.M.W Turner (1755 – 1851) lebte in einer Zeit, die stark von politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen geprägt war. Durch die Französische Revolution und die Philosophie von Kant rückte das Individuum vermehrt in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Fokus. Das in der Industrialisierung aufkommende Bürgertum bildete eine neue soziale Klasse. In der Malerei begann sich ab dem 1800 die Romantik und die damit verbundene Sehnsucht zur Natur zu etablieren. Wer es sich leisten konnten, floh von den verschmutzten und von Krankheiten geplagten Städten in die „heilende“ Natur. Die Alpenüberquerung, die im zu Beginn des 18 Jahrhunderts als mühsames und gefährliches Unterfangen galt, wurde durch neue und besser ausgebaute Routen den neuen Abenteuern zugänglich. Turner selbst wagte Zeit seines Lebens sechs Mal die Überquerung. Der heute weltweit gefeierte Landschaftsmaler wusste die Zeichen seiner Zeit zu lesen und erreichte mit Geschick und Talent einen Aufstieg sondergleichen. Innert weniger Jahrzehnte schaffte er es vom Barbiers Salon seines Vaters bis zur Spitze der Royal Academy of Arts in London.  

 

Vom Barbiersalon in die Hallen der Royal Academy 

Bereits in jungen Jahren wusste Turnerwie er sich selbst zu vermarkten hat. Im zarten Alter von 13 Jahren stellte er einige seiner Werke im Barbier Salon des Vaters aus. Bald schon wurden Förderer auf den talentierten Jungen aufmerksam. Noch im gleichen Jahr erhielt er ein Stipendium an der Royal Academy of Arts. Im Jahr 1882 wurde Turner schliesslich Vollmitglied und 1907 erhielt er die Professur für PerspektiveDer Frieden von Amiens zwischen den napoleonischen Kriegen ermöglichte ihm 1802 seine erste Auslandsreise. Ziele waren auch die Schweiz und Frankreich, was die Überquerung des Gotthardpasses erforderte. Eine Überlieferung aus dem Jahr 1829 erzählt, wie sich Turner auf seinen Reisen anstellte: 

«Ich hatte das Glück, einen heiteren, lustigen, kleinen, älteren Herrn kennenzulernen, der wahrscheinlich während der ganzen Fahrt mein Reisegefährte sein wird. Er streckt ständig den Kopf aus dem Fenster, um zu skizzieren, was immer seine Fantasie anregt, und wurde recht zornig, weil der Kutscher nicht warten wollte (…) Nach seinen Gesprächen ist er so etwas wie ein Künstler, wenn nicht ein echter. Vielleicht wissen Sie etwas über ihn. Der Name auf seinem Koffer ist J.W. oder J.M.W. Turner.» 

  • Brief eines jungen Engländers auf Geschäftsreise, der mit Turner von Rom nach Bologna fuhr, 1829 

 

Joseph Mallord William Turner, The Fall of an Avalanche in the Grisons, ca. 1810 Öl auf Leinwand, 135 x 166 cm, © Tate, London, 2019
Joseph Mallord William Turner, Little Devil’s Bridge, ca. 1806/07 Bleistift und Aquarell auf Papier, 18.4 x 26 cm, © Tate, London, 2019

 

Zeit in Luzern 

Im Zeitraum zwischen 1802 und 1844 besuchte Turner die Schweiz. Einquartiert im Luzerner Hotel Schwanen, porträtierte er die Landschaft auf eine Art und Weise, die seiner Zeit weit voraus warTurner sagte über seine Werke selbst: «Atmosphere is my style». Niemand zuvor fing das Zusammenspiel von See, Bergen, Licht und Wetter so ein, wie es der britische Maler tat. Dadurch entwickelte er die im 17 Jahrhundert in der Niederlanden entstandene Landschaftsmalerei auf seine eigene Weise weiter. Turners Interesse an der Innerschweiz war aber auch von finanzieller Natur. Er wollte der Erste sein, der diese einzigartige Landschaft portraitierteTurner verstand den Kunstbetrieb und wusste, wie er seine Gemälde und sich selbst zu vermarkten hatteBereits im Jahr 1804 eröffnete er seine eigene Galerie. Sein Malrhythmus passte er an die Jahresausstellung der Royal Academy an. Turner streute selbst Mythen, um seinen eigenen Personenkult hoch zu halten. Sein Gemälde «Schneesturm auf dem Meer» untertitelte er mit der Aussage «Der Autor war in diesem Sturm in der Nacht, als die Ariel von Harwich auslief». Dadurch streute er das Gerücht, dass er sich selbst an den Mast des Schiffs festgebunden habe, um am eigenen Leibe zu erfahren, wie sich der Sturm anfüllt. Erst später erfuhr man, dass ein Schiff mit den Namen «Ariel» gar nicht existierte. An der Academy war Turner eine nicht unumstrittene Person und mit seiner Konkurrenz ging er nicht zimperlich um. So erzählt eine Anekdote aus dem Jahr 1832 über die Jahresausstellung an der Royal Academy 

«Turner hat ein Seestück in Graunen eingereicht. Als er in die Akademie kommt, hängt es neben John Constables Gemälde «Opening of Bridge», das in kräftigen Rotnen leuchtet. Turner greift kurzerhand zum Pinsel und malt einen roten Fleck in die Wellen im Vordergrund. Erst am nächsten Tag verwandelt Turner den Farbfleck in eine Boje. » 

Joseph Mallord William Turner, Snow Storm – Steam-Boat off a Harbour’s Mouth making signals in Shallow Water, and going to by the lead. The Author was in this Storm on the Night the Ariel left Harwich, 91.4 x 121.9 cm, © Tate, London, 2019

Must See für Luzerner KunstliebhaberTurner ist auch heute noch ein burner 

Zeit seines Lebens war der britische Maler physisch, aber auch psychisch auf Reisen und entwickelte seinen Stiel weiter. Sein treuster Begleiter war dabei sein Skizzenbuch, in dem er zu jeder Zeit die Eindrücke der Natur einfangen konnte. Bis zum 13.10.19 hast du die Möglichkeit, im Kunstmuseum Luzern die Welt durch die Augen Turners zu sehen. Es lohnt sich und zieh was warmes an, im Museum ist es für die 200 jährigen Gemälde schön kühl. 

 

Weitere Infos zur Ausstellung findest du hier.

Titelbid: Joseph Mallord William Turner,
The Blue Rigi, Sunrise, 1842 Aquarell auf Papier,
29.7 x 45 cm, © Tate, London, 2019