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Warum uns Reisen gut tut – Ein Erklärungsversuch4 min read

29. September 2019 3 min read

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Warum uns Reisen gut tut – Ein Erklärungsversuch4 min read

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Reisen liegt hoch im Trend. Die Interrailverkaufszahlen in der Schweiz sind seit 2014 um 97 Prozent gestiegen. Letztes Jahr knackte der Flughafen Zürich zum ersten Mal die 30 Millionen Passagiere Marke. Wer sich selbst finden will, der soll reisen gehen, so Selbsthilfebücher, Reiseagenturen und Travel Influencer. Doch aufgepasst, die Suche nach der «Life Changing Experience» birgt einige Gefahren in sich. Wer sich selbst sucht, wird nur sich finden und genau hier liegt das Problem.

Wer oder was bin ich eigentlich? Wer sein Bewusstsein zum Bestandteil der eigenen Überlegungen macht, begeht sich auf einen gefährlichen Pfad. Nicht selten wirft einen der Ritt auf dem Gedankenkarussell mit Schwung hinaus in die nächste Ausfahrt Richtung Niemandsland. Auch wenn die Beschäftigung mit dem eigenen Selbst oft nicht zielführend ist, sollte man das Thema nicht unberührt lassen. An dieser Stelle kann eine Anpassung der Frage hilfreich sein. Woher stammt mein Bewusstsein?

Der generalisierte Andere

Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel schrieb in seiner Phänomenologie des Geistes: «Das Selbstbewusstsein ist an und für sich, indem und da durch, daß es für ein Anderes an und für sich ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes.» Hegel beschreibt hier unter anderem, dass Bewusstsein nur durch ein anderes «an und für sich» sein kann. Ohne Kommunikation, kein Bewusstsein, denn das Gefühl unser selbst bewusst zu sein, entsteht durch einen Prozess, in dem wir mit den Augen der anderen auf uns selbst schauen und uns selbst zum Objekt unserer eigenen Wahrnehmung machen. Dieser Vorgang ist möglich, da wir durch die Sozialisierung ein gemeinsames System von Symbolen und Codes angeeignet haben. Durch erlernte wechselseitige Verhaltenserwartungen wissen wir intuitive und unbewusst, wie andere normalerweise auf unser Verhalten reagieren.

Der Wolfsjunge

Menschen, die wiederum ohne Kommunikation aufwachsen sterben oft im Kindesalter oder übernehmen animalische Verhaltensweisen. Beispielhaft hierfür dient die Geschichte des Victor von Averyon, der im Jahr 1797 in einem französischen Wald entdeckt und kurz darauf gefangen genommen wurde. Der etwa zehnjährige, aus der Wildnis entrissenen Junge konnte weder sprechen, noch erkannte sein Spiegelbild. Immer wieder entfloh er seinen Behütern, ehe er wieder gewaltsam eingefangen wurde. Da Victor im Kindesalter vermutlich isoliert in der Wildnis aufgewachsen war, konnte er nie ein Bewusstsein entwickeln und nur mittels einem System aus Belohnen und Strafen zu menschlichem Verhalten «dressiert» werden. In der entscheidenden Phase fehlte ihm die Aussensicht auf sich selbst. Missglückt also der Versuch auf gemeinsame Codes zurückzugreifen, missglückt es der Person die Perspektive eines generalisierten Anderen einzunehmen und ein selbst zu bilden.

Ab in den Urlaub!

Da du diesen Text liest, wirst du mit Sicherheit über ein Bewusstsein verfügen und bist somit dem Schicksal von Victor entgangen. Gratulation! Die Frage um das eigene Selbst, wird sich damit aber nicht gelöst haben. Die Geschichte lässt aber einige Erkenntnisse zu. Wer sich bei sich selbst sucht, so wie es Victor in einer sehr radikalen Ebene und etwas unfreiwilligen Weise getan hat, wird allein sich finden. Nur wer mittels Kommunikation Codes entwickelt und Symbole lernt, entwickelt und erweitert sein selbst. Neue Codes gibt es allein im Gegenzug zu neuen Erfahrungen ausserhalb der bekannten Comfort Zone. Nicht ohne Grund stammt der Begriff reisen vom althochdeutschen rīsan was wiederum von sich erheben, steigen oder auch fallen herzuleiten ist. Wer reist, verlässt die Zone der vertrauten Symbole. Man kann sich nicht mehr blind durch den Alltag dirigieren und man weiss oft nicht, wie man sich zu verhalten hat. Man ist gezwungen andere Menschen zu beobachten, sich mit ihnen auszutauschen und die kurzen Momente der Ungewissheit auszuhalten. Nahezu jede Aktion in einer unbekannten Gesellschafte wirft uns zurück auf unser eigenes Ich. Man ist auf eine natürliche, unbewusste Weise gezwungen sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Selbstbewusstsein kann sich also nur verändern, wenn sich der generalisierte Andere verändert und dafür ist Reisen perfekt.

Achtung Comfort!

Bis du bereit die Welt zu erklimmen und dich selbst zu finden? Dann aufgepasst, denn auch wer 100’000 Kilometer fliegt, kann in der gleichen Welt gefangen bleiben. Die Innenausstattung von noblen Hotels ist auf der ganzen Welt gleich bieder und Mac Donalds Food ist überall eklig.
Reisen ist in dieser Hinsicht auch eine Definitionsfrage und kann bereits vor der eigenen Haustüre beginnen.