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„Wir sind nicht gut darin, nichts zu tun“ – im Gespräch mit Balthazar7 min read

7. Februar 2020 5 min read

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„Wir sind nicht gut darin, nichts zu tun“ – im Gespräch mit Balthazar7 min read

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Vergangenen Mittwochabend pausierte Balthazar in Zürich und beglückte ein fast ausverkauftes Kaufleuten mit ihrer Musik. Am gleichen Tag veröffentlichten sie aus dem Nichts ihre neue Single „Halfway„, welche sie am selben Abend zum ersten Mal live vor Publikum spielten. Vor dem Konzert durfte ich mich mit den beiden Frontmänndern Maarten Devoldere und Jinte Deprez auf ein Gespräch treffen und mich über ihr vergangenes Jahr unterhalten.

Vor dem Kaufleuten in Zürich stehen zwei riesige Reisebusse, welche für über einen Monat das Zuhause der Belgischen Indie-Rock-Band sind. Beim Eintreten ins Gebäude hört man schon den Support-Act des Abends, Eefje de Visser. Die ausgelassene Stimmung im Saal steckt sofort an, ist gleichzeitig aber auch so laut, dass sie Vissers‚ Musik fast übertönt. Erst nachdem die umgebaute und im Scheinwerferlicht stehende Bühne von Balthazar betreten und der erste Song angestimmt wird, beruhigt sich die Menge ein wenig.

Mit „Halfway“, ihrer am selben Tag releasten Single, eröffnet Balthazar ihr Konzert. Es ist beeindruckend, wie schnell die Band das ganze Publikum in ihren Bann zieht. Nachdem ich die Gruppe schon einige Male sehen durfte fällt mir auf, wie das Publikum mit der Band mitwächst. Das soll aber nicht heissen, dass sie weniger aufregend sind. Im Gegenteil: Die Songs werden zum Teil in Variationen gespielt und durch längere instrumentelle Zwischenteile verbunden, was frischen Wind in die Band bringt. Alte und neue Songs werden nacheinander gespielt, das Publikum singt lauthals mit und erfüllt auch die Erwartungen, die Balthazar an ihr Album „Fever“ hatte: Es soll dabei getanzt werden!

 

Im Gespräch mit Balthazar

frtwk: Gratuliere euch zu eurer neuen Single „Halfway“, welche ihr heute veröffentlicht habt. Ich glaube, viele Leute waren ziemlich überrascht, das kam so aus dem Nichts. Habt ihr schon einige Reaktionen bekommen?

Jinte Deprez: Noch nicht wirklich. Alle reagieren ziemlich überrascht! Aber ich glaube, wir müssen uns ein wenig gedulden und es etwas auf die Leute wirken lassen. So läuft das heute mit neuer Musik. Wir befinden uns gerade mitten in der Tour und heute ist ein spezieller Tag, denn heute hört das Konzertpublikum den Song auch zum ersten Mal.

frtwk: Vor ungefähr einem Jahr hattet ihr auch ein Konzert in Zürich, im Plaza. Gibt es etwas, abgesehen von der heute releasten Single, was sich in diesem Jahr verändert hat?

Maarten Devoldere: Ja, dass wir das Set unterdessen hunderte Male gespielt haben. Deshalb beherrschen wir es jetzt so gut! (lacht) Und ich bin unterdessen 33 geworden.

JD: Und dann waren wir noch ganz am Anfang des Albums „Fever“, weil es da erst gerade rauskam. Mittlerweile kennen die Leute die Melodien und die Texte schon besser. Vor einem Jahr noch wartete das Publikum immer darauf, dass wir die alten Songs spielen und heute haben wir viel mehr Freiheit bei der Zusammenstellung der Setlist. Das ist so die einzige Veränderung, wir waren ja viel auf Tour.

„“Fever“ ist gemacht, um live zu spielen, um dazu zu tanzen.“

frtwk: Merkt ihr auch, wie das Publikum auf die musikalischen Veränderungen auf „Fever“ reagiert?

MD: Also zu Beginn setzten wir alle Fever-Songs immer ans Ende der Setlist. Normalerweise spielt man ja die alten Hits zum Schluss. Bis jetzt hat es so aber immer funktioniert, die Leute sind begeistert. Denn „Fever“ ist gemacht, um live zu spielen, um dazu zu tanzen.

JD: Wir haben vor allem viele neue Fans gewonnen mit dem neuen Album. Viele Leute waren zu jung für die alten Alben. Jetzt haben wir die alten Fans, die noch die alten Songs kennen und neuere Fans, welche die neuen Songs kennen. So haben wir ein ganz anderes Publikum nach unserer Pause.

frtwk: Ihr hattet ja ungefähr eine dreijährige Pause von „Balthazar“ aufgrund eurer Solo-Projekte. Wie fühlt es sich nun an, wieder als ganze Band unterwegs zu sein?

MD: Es ist komisch, denn ich habe soeben mit Eefje de Visser, unserem Supportact heute Abend, darüber gesprochen. Sie hat vier Jahre lang keine Musik produziert, aber niemand hat ihr neues Album als ein „Comeback“ bezeichnet. Bei uns waren es knapp drei Jahre und alle sprechen jetzt von uns, als ob wir so lange weg gewesen wären!

JD: Wir waren eigentlich nur eineinhalb Jahre nicht „Balthazar“, denn neben den Solo-Projekten haben wir ja trotzdem Songs produziert. Es ist aber noch praktisch, das ganze „Comeback-Ding“ als eine Art Promo zu nutzen, es scheint zu funktionieren.

MD: Das funktioniert aber auch nur einmal! (lacht) Hätten wir die Solo-Projekte nicht gehabt, wären wir halt eineinhalb Jahre nur zu Hause gesessen. Und wir sind nicht gut darin, nichts zu tun.

„Ich war so stolz, „Warhaus“ zu sehen! Das war ein ganz anderes Gefühl als Eifersucht.“

frtwk: War da nie Eifersucht zwischen euren beiden Soloprojekten „Warhaus“ und „J.Bernardt“?

MD: Nein, es war eher anders rum. Wenn wir das Solo-Projekt des anderen nicht gemocht hätten, dann wäre es nicht mehr so attraktiv gewesen, wieder als „Balthazar“ zusammen zu kommen.

JD: Wir hatten auch keine Zeit dazu! Wir machten die Solo-Alben und bevor wir es merkten, standen wir schon wieder als „Balthazar“ auf der Bühne. Es war aber cool, den Anderen spielen zu sehen. Ich war so stolz, „Warhaus“ zu sehen! Das war ein ganz anderes Gefühl als Eifersucht.

frtwk: Wer oder was hat euch auf eurem vor einem Jahr erschienenen Album „Fever“ beeinflusst? Es sind ja zum Teil schon einige musikalische Änderungen hörbar im Vergleich zu früheren Alben.

MD: Wir haben nicht wirklich etwas geändert. Wir haben schon immer Songs geschrieben, die sehr nahe an unseren eigenen Leben sind. Wie zum Beispiel Jinte,, der oft Break-up Songs schreibt.

JD: Doch, wir haben uns schon auch geändert. Vor allem die Art und Weise, wie wir Songs schreiben und uns ausdrücken. Früher war vieles metaphorisch oder wir wollten grosse Poesie erschaffen. Wir wollten über das Ganze singen. Jetzt ist es viel mehr auf ein kleines Detail konzentriert, wie reingezoomt. Also die Themen haben sich nicht gross geändert, eher die Art und Weise, darüber zu schreiben.

„In Belgien sind wir halt einfach die „Boys-Next-Door“.“

frtwk: Ihr tourt ja bis Ende März weiterhin mit eurem Album durch Europa, um in Ländern wie Israel oder Griechenland zu spielen. Und natürlich auch in Belgien, eurem Herkunftsland. Gibt es etwas, das anders ist, wenn ihr da spielt?

MD: Ja, es macht mehr Spass in anderen Ländern. Natürlich sehen wir zu Hause alle unsere Freunde. Aber man merkt, dass je weiter man weg geht, desto freundlicher wird das Publikum. Wie zum Beispiel in Ägypten letzte Woche. Die waren so wild drauf!

JD: In der Front-Row sah man eine Menge Smartphones und Leute, welche die Texte lauthals mitschrien. In Belgien, da sind die Leute so super höflich.

MD: Ja ich denke auch, dass die Leute halt einfach dankbar sind wenn wir so weit weg reisen, um bei ihnen zu spielen.

JD: In Belgien sind wir halt einfach die „Boys-Next-Door“.

MD: Aber es ist ein guter Ort um aufzuwachsen und in einer Band zu spielen!

frtwk: Nochmal zurück zu eurer Single „Halfway“, welche ihr heute veröffentlicht habt. Ist das ein Zeichen dafür, dass da noch mehr kommt?

MD: Ja, wir schreiben gerade an neuen Songs. Der Plan ist, in Zukunft noch ein Album zu veröffentlichen.

JD: Wir wissen noch nicht genau, wann das sein wird. Aber wir hatten den Song „Halfway“ jetzt gerade parat und wir dachten uns, es sei doch eine kecke Idee, den Song während der Tour zu veröffentlichen. Denn die Leute beginnen sich dann ja zu fragen, wieso sie an unser Konzert kommen sollen, wenn wir doch dieselben Songs spielen wie letztes Jahr. Es gibt einem dann das Gefühl, dass etwas Neues kommen wird… Wir werden ja sehen, wann dies der Fall sein wird!

frtwk: Wir sind gespannt! Vielen Dank, Maarten und Jinte, für eure Zeit und viel Erfolg bei eurem Auftritt heute Abend!

 

Bild: Alexander Kellner

Text & Interview: Meret Lustenberger