Carrie Mae Weems und die Macht des Blicks
In der Ausstellung «The Evidence of Things not Seen» von Carrie Mae Weems im Kunstmuseum Basel wird mit der Bedeutung des Blickes in der Kunst gespielt. Es wird auf interessante und amüsante Weise aufgezeigt, was es bedeutet, (un)sichtbar zu sein.
Autor:in:
Layla Hollenstein
Hinweise:

Der Blick spielte in der Kunst schon immer eine bedeutende Rolle. Die Mona Lisa ist dafür bekannt, dass ihre Augen einem durch den Raum folgen. Durch gezielten Einsatz der Augen kann in Bildern Unterwürfigkeit oder Überlegenheit dargestellt werden. Wie auch in unserem Alltag, hängt in der Kunst der Blick mit Macht zusammen. Durch das Anschauen gewinnen Personen oder Gegenstände an Bedeutung, das Ignorieren eben dieser stuft sie herab. Das ist in der Kunst nicht anders. Der:die Künstler:in entscheidet durch gezielte Blickführung, worauf sich die Betrachtenden fokussieren und was sie übersehen.

In der Ausstellung «The Evidence of Things not Seen» von Carrie Mae Weems im Kunstmuseum Basel wird mit der Bedeutung des Blickes in der Kunst gespielt. Es wird auf interessante und amüsante Weise aufgezeigt, was es bedeutet, (un)sichtbar zu sein.

Sehen und gesehen werden

Wer sich eingehend mit dem Blick in der bildenden Kunst auseinandersetzen will, wird sich für den Artikel «Der Blick als Machtinstrument» für die Uni Münster, von Prof. Dr. Ursula Frohne interessieren. Darin beschreibt sie anschaulich, wie uns Sehen und gesehen werden beeinflussen können. Man findet viele Parallelen zur künstlerischen Arbeit von Carrie Mae Weems. Insbesondere die Motive der Infrastruktur zur Überwachung und die gewählte (Un-)Sichtbarkeit sind in der Ausstellung mehrfach zu entdecken.

In der Ausstellung von Carrie Mae Weems wird kritisch hinterfragt, wer und was wir als Gesellschaft dokumentieren. In der Beschreibung zur Ausstellung heisst es: «Durch bewusstes Aufsuchen von bedeutenden Orten oder durch gezieltes Nachstellen von historischen Gegebenheiten legt sie die Geschichten von marginalisierten Gruppen frei und trägt uns mit ihrer Kunst auch Erzählungen vor, die es nicht in die Geschichtsbücher geschafft haben.»

Ungesehene Geschichte

Die Beschreibung ist Programm. Carrie Mae Weems sorgt auf verschiedenste Weise für unterschiedliche Themen Aufmerksamkeit. Ein prominentes Element ist dabei die Sichtbarkeit von konstruierten Erinnerungen. In Bildreihen wie «Constructing History» stellt Weems historische Ereignisse nach. Dabei bleiben auch das Fotostudio und das Equipment in der Fotografie sichtbar. Mit dieser Technik soll aufgezeigt werden, wie kuratiert das Wissen über Geschichte ist. Nur Dinge, die aufgezeichnet und dokumentiert wurden, bleiben im kollektiven Gedächtnis vorhanden.

In diesem Zusammenhang sind die Serien «Africa Series» und «Slave Coast» besonders interessant. Die Künstlerin besucht im Zuge dieser Serien Mali und den Senegal, wo sie Bauten der einheimischen Bevölkerung, aber auch kolonialistische Anlagen fotografierte. Die entstandenen Bilder untermalt sie mit Texten über Adam und Eva und setzt dadurch die christlichen Erzählungen in einen anderen Kontext. Die Dokumentation der unterschiedlichen Gebäude wirft ein Licht auf die Geschichte der Kolonialisierung und erzählt von den versklavten Menschen vor der Überfahrt nach Amerika oder Europa. Anders als im Geschichtsunterricht werden nicht die Gräuel in den fremden Ländern, sondern der Startpunkt der Reise so vieler Menschen und die Diskriminierung im eigenen Land aufgezeigt.

Weems stellt Schicksale von unterdrückten Gruppen – besonders in Amerika – oft christlichen Motiven gegenüber. Dadurch zweifelt sie die westliche Definition von Zivilisation an und hinterfragt ein kolonialistisches Verständnis von Fortschritt.

Das ungesehene Geschlecht

Die Künstlerin setzt sich auch mit feministischen Perspektiven auseinander. So werden beispielsweise in «The Kitchen Table Series» die verschiedenen Rollen einer Frau abgebildet und mit kurzen Texten beschrieben. In allen Bildern sitzt die Künstlerin selbst am Küchentisch und zeigt sich in unterschiedlichen, alltäglichen Situationen. Der Küchentisch steht dabei für den Raum, in dem traditionell das Leben der Frau stattfindet – weg von der Öffentlichkeit. Durch die Fotografie wird die versteckte Vielfalt der Frau in den Fokus gerückt und der Öffentlichkeit gezeigt.

Auch in «Not Manet’s Type» setzt sich Weems mit dem gesellschaftlichen Druck auf das weibliche Geschlecht auseinander. Mit Texten unter den Fotografien zeigt sie auf, wie Frauen in der Kunst traditionell dargestellt werden und wie diese Darstellungen ihr Selbstbild beeinflussten. Durch die gewählte Perspektive, in der man Weems durch einen Spiegel betrachtet, gibt sie den Betrachtenden die Möglichkeit, sich in sie hineinzuversetzen und sich mit ihr zu identifizieren.

Auch in weiteren Serien werden die Rolle der Frau besonders in der Kunst hervorgehoben und hinterfragt. Als schwarze Künstlerin kritisiert sie die mangelnde Sichtbarkeit von Frauen der PoC-Community in kulturellen Institutionen und setzt sich damit bildnerisch auseinander.

Rückfordern der Sichtbarkeit

Das Bild «Queen B» steht stellvertretend für das gesamte Werk von Carrie Mae Weems. Darin sitzt eine junge, schwarze Frau an einem Schreibtisch. Das Bild ist im Stil traditioneller Stillleben und Herrscherbilder fotografiert. Der Schreibtisch überquillt mit Rosensträussen und symbolischen Dekorationen wie Büsten und einem Globus. Anders als in typischen Herrscherbildern jedoch, wird der Blick der Betrachtenden nicht durch direkten Augenkontakt auf die Person im Bild gelenkt. Stattdessen schaut die Frau in der Fotografie weg vom Publikum in einen Spiegel. Sie benötigt nicht die Bestätigung einer eingeschüchterten Menge, um majestätisch zu wirken, sondern schafft das alleine mit ihrer Haltung und Ausstrahlung. Durch diese kleine Geste holt sie sich die Macht zurück, die ihr Jahrhunderte lang verwehrt wurde.

Durch ihre Arbeit lenkt Weems den Blick auf ungesehene oder vergessene Gesellschaftsgruppen. Sie stellt dabei Zusammenhänge zwischen der Diskriminierung und Versklavung von schwarzen Menschen und dem Umgang mit der indigenen Bevölkerung in Amerika her, zeigt die Rolle der Frau in der Gesellschaft und der Kunst auf und lässt einen über Traditionen und Bräuche nachdenken. Die Ausstellung zeigt, dass der Blick eine Menge Macht beinhaltet und wie durch gezielte Lenkung des Blicks Realitäten geschaffen oder negiert werden können.

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