Erschaffen wir unsere eigenen Illusionen?
Sind die Sozialen Medien ein Abbild unserer Gesellschaft? Natürlich nicht. Instagram und Co. sind nichts weiter als eine Illusions-Collage. Wunschträume. Dennoch: Wer in dieser Welt gesehen werden will, muss sich zeigen. Und wer gehört werden will? Muss sich auch zeigen! Das ist das Schicksal, das Musiker:innen heute begleitet. Aber ist Selbstdarstellung auch Selbstwahrnehmung? Sechs Künstler:innen wagen einen Blick auf ihr eigenes Profil. Was sie sehen, ist nicht immer ein Abbild ihrer selbst.
Autor:in:
Bettina Wyss-Siegwart
Titelbild:
Binta Kopp

«Instagram ist nicht nur Vergnügen. Es ist Arbeit. Ein Tool, das wir nutzen, um uns Gehör zu verschaffen», sagt Milena Patagônia. Die Berner Künstlerin gibt regelmässig Promotion-Workshops und verrät: «Wenn ich die Teilnehmer:innenjeweils frage, wer gern Instagram-Posts macht, bleibt es meist sehr ruhig in den Kursen.» Denn ja, es ist keine leichte Aufgabe, in dieser schnelllebigen Welt aufzufallen und dennoch authentisch zu bleiben. "Ich selbst präsentiere mich gerne», sagt sie selbstbewusst. Doch ihre wahre Intention, sich Gehör verschaffen zu wollen, ist die Musik. «Lade ich ein Bild hoch, auf dem ich auffällig gestylt bin und hot aussehe, gibt's viel mehr Likes, als wenn ich den Fokus auf meine Musik lege», sagt sie.

Musik entsteht im Studio und auf der Bühne – Musiker:innen jedoch brauchen noch weitere Skills. Beispielsweise, sich sympathisch, aktiv und kommunikativ in den Sozialen Medien zu zeigen.

Leicht fällt das nicht allen. «Ich finde es super anstrengend», sagt Soë Blue und lacht. Die Zürcher Sängerin ist Musikerin aus Leidenschaft und legt ihr ganzes Herz in die Texte und Melodien ihrer Songs. Dennoch spürt sie, wie wichtig ein gepflegter und durchdachter Social-Media-Auftritt sein kann. «Natürlich gibts viele Vorteile», sagt sie. «Man kann sich über die Grenzen hinaus präsentieren und erreicht Menschen, die einen sonst nie entdeckt hätten. Jedoch ist diese digitale Welt einfach nicht gut für unser Selbstwertgefühl.» Gerade für jüngere Menschen, die sich am Suchen und Finden sind, sei diese Scheinwelt eine Gefahr.

Soë Blue aus Zürich sieht viele Vorteile in Social Media - auch wenn es nicht immer einfach ist. (Bild: zVg)

Eine dieser jungen Künstlerinnen ist Jeniffer Lima. «Am liebsten würde ich meine ganze Energie einfach in meine Musik stecken. Jedoch sind Self-Promotion und die Interaktion mit Fans über Social Media ein Muss, um in dieser Welt als Künstler:in zu bestehen. Besonders, wenn man kein Label oder Marketing-Team hinter sich hat.»

Jeniffer Lima würde die Zeit lieber in Musik investieren. (Bild: zVg)

«Es wird nie wieder so sein wie früher - und das ist auch gut so»

Der Solothurner Philipp Gerber hingegen ist als «Bluedög» schon viele Jahre erfolgreich im Musik-Business. Er hat die Zeit, als Social Media noch nicht zum Arbeitstool einer kunstschaffenden Person dazugehörte. «Ich versuche nach wie vor, es nicht zum Zwang werden zu lassen, mich in den Sozialen Medien zu zeigen», sagt er. «Mit dem ganzen ‘Früher war alles besser’-Geschrei habe ich nichts am Hut. Es wird nie wieder so sein wie früher – und das ist auch gut so.» Schliesslich sei man früher auf eine Industrie angewiesen gewesen. Heute geht alles viel leichter. «Promo, Recording, Videos, Booking, Kollaborationen... durch die heutigen Möglichkeiten können wir alles selbst machen und sind nicht abhängig.»

 Philipp «Bluedög» Gerber postet, ohne viel zu überlegen. (Bild: zVg)

Die Zugerin Ines Vita erlebt Social Media inspirierend – solange es Spass macht. «Ich weiss, dass es zur Last werden kann», sagt sie. Man müsse einfach das Ausmass im Auge behalten. «Wenn man sich davon nicht zu sehr dirigieren lässt, kann es sehr viel Kreatives auslösen und eine Verbindung zu anderen Künstler:innen sein.»

Ines Vita nutzt Social Media, um sich mit anderen Künstler:innen zu verbinden. Das Mass sei entscheidend, sagt sie. (Bild: Andrin Fretz)

«Es ist menschlich. Aber auch gefährlich!»

Es geht also um das Mass. Es geht darum, dass Social Media ein Arbeitsinstument geworden ist, das jedoch nicht Überhand nehmen darf. Musikerin Mia Aegerter weiss das sehr genau - und zieht jetzt Konsequenzen. In einem Insta-Post anfang des Jahres informiert sie ihre Follower:innen, dass sie sich eine Pause gönnt. Drei Monate lang deaktiviert sie ihren Social-Media-Account. «Es hat mir nicht gut getan», sagt sie im Gespräch mit frachtwerk.

Wer sich durch Instagram scrollt, sieht eine Welt voller erfolgreicher Menschen, die unendlich viel Freizeit zu haben scheinen. Die permanent Spass an ihrem Leben haben. Diese Posts spiegeln jedoch nicht das wahre Leben wider, das dahintersteht. «Auch für uns Musiker:innen ist Social Media mehrheitlich ein Arbeitstool, um unser Produkt an die Menschen zu bringen. So nüchtern das klingen mag», sagt Mia. «Wenn ich aber merke, dass die Technologie mich benutzt anstatt umgekehrt, läuft etwas schief.» Immer mehr habe sie realisiert, dass sie sich mit dem (Schein-)leben anderer Menschen angefangen habe zu vergleichen.

Mia Aegerter hat vorerst genug von Social Media. Für drei Monate hat sie ihren Instagram-Account gesperrt, weil ihr die Plattform nicht gut tut. (Bild: Rian Heller)

«Es ist menschlich. Aber auch gefährlich!», sagt sie. «Wenn du jeden Tag diese Bilder vor dir hast, die dir das Gefühl vermitteln, es laufe bei allen anderen Menschen perfekt - und anfängst zu denken, du seist die Einzige, die mit Hürden zu kämpfen habe», dann weisst du, dass du die Reissleine ziehen solltest. «Ich habe mich mit einer Illusion verglichen. Da kann man nur verlieren.» Sich seinen Selbstwert über Likes und Herzchen abzuholen, ist definitiv ungesund. «Ich bin eine erwachsene Frau, die das weiss und informiert ist. Und dennoch passiert mir das. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es Teenagern geht, die in dieser digitalen Welt gross werden.»

Die eigene Scheinwelt

Social Media ist eine Welt, die einem Perfektion vorgaukelt. Und warum ist das so? Weil man selbst dazu beiträgt. Wie Smudo einst so schön rappte: «Du stehst nicht im, du bist der Stau.» Genau so ist das in den Sozialen Netzwerken. Während man aufpasst, sich nicht durch einen äusseren Anschein in die Irre führen zu lassen, schafft man selbst Bilder, die einen so zeigen, wie man wahrgenommen werden möchte.

Milena Patagônia kennt dieses Gefühl sehr gut. «Authentisch zu sein klingt einfach - ist auf Social Media aber eine Herausforderung», sagt sie. «Ich sehe ja selbst, was Likes generiert und was weniger gut ankommt. Würde ich Make-Up-Tutorials machen, hätte ich wahrscheinlich mehr als die 1'500 Follower:innen, die seit einer gefühlten Ewigkeit stagnieren. Hier sich selbst treu zu bleiben und in erster Linie seine eigenen Erwartungen zu erfüllen, ist gar nicht so leicht.»

Wir präsentieren uns so, wie wir wahrgenommen werden wollen. Und genau damit werden wir zum Puzzleteil eines grossen Ganzen. «Wenn ich meinen eigenen Feed anschaue, sehe ich viele unterschiedliche Facetten», sagt Milena Patagonia. «Von sexy und arrogant bis hin zu sanft und zugänglich ist alles dabei.» Ist es authentisch? «Ich glaube ja», sagt sie. «Ich habe einige Dinge unternommen, um mich in den Sozialen Medien wohler zu fühlen», verrät die Bernerin.

So habe sie beispielsweise die Funktion entfernt, bei der sie die Likes-Anzahl fremder Posts sehe und Accounts gemutet, die ihr nicht gutgetan haben. «Seither ist mein Insta langweilig geworden. Aber mir gehts besser», sagt sie mit einem Schmunzeln.

Einen Blick auf ihren eigenen Social-Media-Kanal hat auch Soë Blue geworfen. «Ich möchte eine Powerwoman sein, die auch Verletzlichkeit zeigen kann. Man kann traurige Tage haben und sich schlecht fühlen, aber dennoch stark und inspirierend sein», antwortet sie auf die Frage, wie gerne wahrgenommen werden würde. Ob sie auf sich selbst so wirkt? «Super schwierige Frage. Ich weiss es nicht.» Denn ja, es ist nicht leicht, einen Schritt zur Seite zu wagen und sich selbst kritisch zu betrachten.

Auch Jeniffer Lima wagt einen Blick auf ihren Feed. «Ich möchte auf Social Media am liebsten bodenständig und sympathisch wahrgenommen werden. Manchmal habe ich Angst, dass wenn ich viel poste, ich dann aufdringlich wirke.» Doch jetzt, mit einem kritischen Blick, sagt sie: «Ehrlich gesagt, ich wirke nicht sehr aktiv. Wenn ich es jetzt so objektiv anschaue, dann sollte ich wahrscheinlich echt mehr posten.»

Philipp «Bluedög» Gerber macht sich weniger Gedanken, wie genau er wahrgenommen wird. Ihm ist wichtig, so natürlich und ehrlich wie möglich zu sein. «Sobald ich was veröffentlicht habe, kümmere ich mich nicht mehr darum», gibt er zu. Auch Fehler stressen ihn nicht. «Wenn ich ein Datum falsch genannt habe, korrigiere ich es eben», sagt er. «Wir sind alle nur Menschen und ich denke, das darf auch so rüberkommen.»

Infobox

Milena Patagônia: Die Bernerin heisst mit richtigem Namen Milena Krstić und oszilliert mit ihrem entrückten kontemporären Pop zwischen Kunst und Pop, Performance und Konzert. Auf einem Sprachenmix aus Berndeutsch und Serbokroatisch besingt sie die abgründige Schönheit des Seins und produziert vertrackte Tracks mit dramaturgisch riskantem Ausgang.

Mia Aegerter: Die in Freiburg geborene Sängerin und Schauspielerin hat mit ihrer Pop-Musik internationalen Bekanntheitsgrad erreicht. Inzwischen lebt sie in Berlin und erschafft sanfte Indie-Klänge, die sie in poetischem Deutsch untermalt - voller Tiefgang und Ehrlichkeit.

Philipp Gerber: Er ist ein Meister an der Gitarre und Teil unzähliger Projekte und Bands. Aktuell ist er mit seiner Band Bluedög auf Tour. Seine Leidenschaft für den Blues gipfelt immer wieder in Kollaborationen und Jams mit grossen Schweizer Künstler:innen.

Soë Blue: Musik war schon immer ihr Leben. Im 2020 hat die junge Zürcherin Lisa-Marie Hiestand ihren ersten, eigenen Song veröffentlicht - und seither läuft es wie geschmiert. Die Power-Ballade "I Don't Love You Anymore", die 2023 erschien, hat sie in Nashville, Tennessee aufgenommen. Sie setzt alles auf eine Karte.

Ines Vita: Die Zugerin ist in einer Musiker:innen-Familie grossgeworden. Immer war die von Instrumenten umringt. Schon früh stellte sich heraus, dass ihre engelsgleiche Stimme wohl zu ihrem Hauptinstrument werden würde. Sie hat in Luzern Jazzgesang studiert und tritt jetzt mit ihrer eigenen Musik auf. Sie erschafft sanfte und doch selbstbewusste Songs, die tief berühren und deren Melodien in den Herzen ihres Publikums hängen bleiben.

Jeniffer Lima: Die Powerlady aus Winterthur weiss genau, was sie will. Sie möchte die Grenzen der Schweizer Musik neu definieren. Die dynamische Pop-Sensation sorgt langsam aber sicher für Aufsehen und gibt der Mundartmusik ein neues Gesicht. Als Halbbrasilianerin gelingt es Jeniffer, die emotionale und rhythmische Seele ihrer Wurzeln mit ihrer Hingabe zur Musik zu verkörpern. Die Sängerin gestaltet Mundart modern, cool, herzerwärmend und sexy.