Rüüdig oder Zitvergüüdig? Vier Perspektiven auf die Luzerner Fasnacht
Bald esch Fasnacht z’ Lozärn! Angesichts dessen fragen wir uns, wie frisch das Gesicht dieses Narrenfestes noch ist. Handelt es sich bei der Fasnacht um den kreativen Freiraum schlechthin oder eher um ein hemmungsloses Volksbesäufnis? Vom Zünftler bis zum Fasnachtsmuffel – wir haben vier Personen die gleichen Fragen gestellt, um einen Blick hinter die Maske des Lokalkolorits zu werfen.
Autor:in:
Maurice & Pascal
Titelbild:
zVg
Hinweise:

ein Beitrag von Maurice Koepfli & Pascal Omlin

Die kältesten Tage des Jahres stehen bevor und die Weihnachtsbeleuchtungen sind einer Einöde aus winterlichem Grau gewichen. Die Erinnerung an Licht und Geselligkeit lässt die ins Januarloch gefallenen wärmeren Jahreszeiten herbeisehnen. Zumindest in Luzern tritt an diesem Punkt – wie bestellt – die Fasnacht auf den Plan. In sieben Tagen wird dem Winter mit lauter Musik, bunten Kostümen und reichlich Speis und Trank der Kampf angesagt.

Die Luzerner Fasnacht ist zweifellos ein einzigartiges Ereignis. Während sich die einen seit Monaten intensiv darauf vorbereiten und ihr aktiv entgegenfiebern, flüchten andere ins kantonale Ausland oder tauschen Tipps aus, in welchen Strassen und Kafis man vor den Konfettischauern der fünften Jahreszeit sicher ist. Grund genug, sich zu fragen, was es mit diesem Volksfest auf sich hat. Vier Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven auf die Fasnacht, sprechen mit uns über den vergangenen, den gegenwärtigen und denzu künftigen Geist der Fasnacht.

Unsere Interviewpartner:innen sind

Josephine Strebel, 23 Jahre alt und ursprünglich aus Basel, kam wegen ihres Studiums an der Kunsthochschule nach Luzern. Sie hat bisher erst ein Mal an der Fasnacht teilgenommen.

Sira Bühlmann wurde die Fasnacht quasi in die Wiege gelegt. Die 37-Jährige ist seit über 36 Jahren Mitglied der Vikinger. Den Rest des Jahres arbeitet sie in der Pflege und in der Gastronomie beim Südpol.

Patrick Imgrüth ist 29 Jahre alt und hat von Kindesbeinen an einen Narren an der Fasnacht gefressen. Wenn er nicht gerade als Sekundarlehrer in den Schulzimmern steht, macht er Musik, bastelt an seinem Grind oder gibt als Tambourmajor bei einer Guggenmusik den Takt an.

Adrian Gerussi: der 48-jährige TV-Produzent begeht die Fasnacht zünftig als Mitglied der berühmten Safran Zunft und feiert dieses Jahr seine Silberhochzeit mit dem Fasnachtsbrauch; ein Vierteljahrhundert ist er schon bei den Vikingern aktiv.

frachtwerk: Bist du Fasnächtler:in?

Patrick:  Natürlich! Mich begeistert an der Lozärner Fasnacht, dass sie eigentlich ein riesiger Freiraum ist, bei dem die öffentlichen Plätze aber auch die Beizen offen für alle sind. Sie schafft einen kreativen Raum. Das geregelte Leben ist für eine Weile ausgeblendet. Für Menschen, die sonst täglich im Büro sitzen, ist das ein Wahnsinns-Kontrast. An der Fasnacht kann man sich verwirklichen. Die Fasnacht ist von Menschen für Menschen. Es ist kein Fest, das von irgendwelchen Eventveranstaltern organisiert wird mit dem Ziel, Kohle zu machen. Mich begeistert es, die Freiheit zu bekommen, einige Tage lang meiner Kreativität freien Lauf zu lassen.

Sira: Die Vikinger sind meine zweite Familie. Ich liebe es, dass ich an der Fasnacht Zeit mit diesen Menschen verbringen kann.

Josephine: Ich bin in Basel aufgewachsen und hatte, ausser der Kinderfasnacht in der Schule, nie einen Bezug zur Fasnacht. Letztes Jahr war ich das erste Mal in Luzern mit dabei. Ich ging mit guten Friends und wir erfreuten uns besonders an den kreativen Kostümen!

Adrian: Ich bin seit 25 Jahren aktiv an der Luzerner Fasnacht. Zuerst als Guugger und seit drei Jahren als Zünftler beider Zunft zu Safran. Die Luzerner Fasnacht fasziniert mich, weil sie einzigartig ist in ihrer historischen Entwicklung und mir gefällt vor allem ihre wilde Ausdrucksweise. Ich fungiere als ein kleines Puzzleteil, um diese wunderschöne Tradition zu bewahren.

frachtwerk: Was macht die Luzerner Fasnacht so rüüdig guet?

Josephine: Ich kenne das Wort nicht. Ist das Luzerndütsch?

Adrian: Dass man in andere Rollen schlüpfen, Freunde treffen und Traditionen pflegen kann. Es ist ein Event, der chaotisch, archaisch und nicht abschliessend organisiert ist. An der Lozärner Fasnacht erfährt man eine geballte Ladung Kreativität - und natürlich spielt die Geselligkeit eine zentrale Rolle. Mich persönlich fasziniert das Musizieren mit meiner Fasnachtsmusik und das Grinde basteln.  

frachtwerk: Ist die Fasnacht ein Event für alle? Und wenn ja, ist sie dafür inklusiv genug?

Adrian: Definitiv ja! An der Fasnacht wird niemand ausgeschlossen. Niemand benötigt ein Ticket. Und wer die Fasnacht nicht mag, findet problemlos Alternativen.

Sira: Grundsätzlich Ja. Für die Inklusion könnte man natürlich immer mehr tun. Die Fasnacht ist nicht barrierefrei, aber da gäbe es bestimmt noch ein paar Möglichkeiten.

Patrick: Ich würde sagen: ja. Es kommt natürlich drauf an, welche Fasnacht man meint. Die Fasnacht der Gugge und der Wagenbauer - da kann jede:r einen Verein finden, wo er:sie aufgenommen wird und mitmachen kann. Da gibt es keine Zugangsbeschränkungen. Bei den Zünften ist das anders. Da muss man eine bestimmte politische Gesinnung haben (seufzt). Man muss ein gewisses Geschlecht haben; ich sage jetzt nicht welches. Hier ist es anders. Aber man muss ja nicht in eine Zunft.

Josephine: Nur weil die Fasnacht für alle zugänglich ist - und ich denke, dass die Luzerner Fasnacht auf eine Art niederschwelliger ist als die Basler Fasnacht -, bedeutet das nicht, dass es ein Event für alle ist. Menschen, die damit grossgeworden sind, werden sich automatisch dieser Tradition näher fühlen. Ich frage mich eher, ob die Fasnacht überhaupt den Anspruch haben muss, ein Event für alle zu sein. Um die Inklusivität zu erhöhen, könnten Massnahmen zur Förderung der Barrierefreiheit ergriffen werden. Auch könnte ein Care-Team eingerichtet werden, an das sich Personen, die sich unwohl fühlen, wenden können.

frachtwerk: Die Fasnacht, mit ihren bunten Kostümen und schrillen Umzügen, scheint für manche etwas aus der Zeit gefallen. Ist sie noch zeitgemäss?

Sira: Ja, ich finde schon, da es eine Tradition ist und man nicht immer alles ändern muss.

Josephine: Ich denke nicht, dass die bunten Kostüme und schrillen Umzüge die Fasnacht aus der Zeit fallen lassen, sondern was damit verbunden wird. Für manche Menschen ist es eine Ausrede, sich unpassend und «scheisse» zu benehmen. Vielleicht zeigt sie Verhalten auf, das sonst (aus gutem Grund) als aus der Zeit gefallen betrachtet wird. Die Fasnacht sollte kein Freipass für unangemessenes Verhalten sein.

Patrick: Ja, sie ist absolut zeitgemäss. Wir leben in einer Zeit, in der sich alle präsentieren und auffallen wollen; das kann man eben auch an der Fasnacht. Aber anders als auf Social Media setzt man sich nicht als Person in Szene, sondern spielt mit der Anonymität und wird zumTeil eines gesellschaftlichen Ganzen.

frachtwerk: Diese Anonymität gibt es im Netz ja zuweilen auch.

Patrick: Genau! Das ist ja auch der Grundgedanke der Fasnacht, weshalb man überhaupt Grinde anzieht: Damit man früher Sujets machen konnte gegen die Obrigkeit. Man konnte kritisieren, ohne dass die anderen wussten, wer man ist.

Adrian: Die Fasnacht gehört zu unserer Tradition. Und Traditionen sind Teil unserer Identität. Beides beeinflusst einander. So stellt sich die Frage, ob sich Traditionen anpassen müssen, um mit der Zeit zu gehen? Was passiert, aber wenn wir sie zu sehr verändern? Geben wir ein Stück weit unsere Identität auf?

frachtwerk: Es gibt Fasnachtsvereine, die ausschliesslich Männern vorbehalten sind. Hat das seine Berechtigung? Bildet diese Tradition gar eine Art Safe Space* für Männer?

Sira:  Ich persönlich finde das nicht okay und bin sehr froh, dass wir das in unserer Fasnachtsmusik nicht so leben. Wir haben für jeden Platz. Jedoch haben gewisse Fasnachtsvereine ihre Traditionen, die sie beibehalten wollen.

Adrian: Diese Frage kommt immer wieder. Die Fasnacht ist ein Volksfest für alle. Da geht es nicht um Frauen oder Männer. Alle sind willkommen. Dennoch darf man das hinterfragen. Die Gesellschaften und Zünfte der Stadt Luzern sind historisch bedingt reine Männervereine. Eine Frage sei an dieser Stelle erlaubt: Müssen Ur-festgeschriebene Traditionen immer auf Biegen und Brechen umgekrempelt werden? Letztlich soll es doch jede Organisation so handhaben, wie es für sie stimmt. Gibt es diesen Safe-Space für Frauen nicht?

Josephine: Wenn diese Exklusivität der einzige Grundpfeiler für ihre Gruppenzusammengehörigkeit ist und dieser durch Traditionen legitimiert wird, frage ich mich, ob dieser Pfeiler nicht langsam ein bisschen morsch wird. Gibt es andere Gründe, why not? Es sollte einen sicheren Raum für Fasnachtsbegeisterte geben, ohne dabei Menschen aufgrund ihres Geschlechts auszuschliessen. Damit möchte ich das Fass öffnen für die Frage, ob Männer auch einen Safe-Space brauchen. Das ist bestimmt nicht notwendig bei einem Fest wie der Fasnacht, das für alle gedacht ist.

Patrick: (zögert) Es gibt zwei Arten, das zu betrachten. Dass man bei den Zünften Frauen kategorisch ausschliesst, finde ich schwierig und verstehe ich nicht. Das ist wirklich etwas Patriarchales. Das andere ist, dass es Guggenmusiken und Wagenbaugruppen gibt, wo sich ein paarKollegen zusammentun und beschliessen: «Wir sind eine Männergruppe». Das ist etwas anderes. In diesem Fall kann jede Frau sagen: «dann geh ich halt in eine andere Guggenmusik». Es gibt ja auch Guggen – in Luzern zwar noch nicht, aber zum Beispiel in Basel - die blosse Frauenmusiken sind.

Zum Safe Space… (schmunzelt). Hmm, ja. Bei den Zünften schafft das vielleicht einen Ort, an dem man sich danebenbenehmen kann. Ich war zwar nie da, aber hab schon viel gehört. Ein Verwandter hat mal beim Bärteli-Essen einer Zunft die Vertonung gemacht. Seine Frau war dabei. Als das rauskam, gab es erschrockenen Tumult: «Da ist eine Frau!» Dann hat man sie in ein Kämmerchen gesperrt, denn keine Frau durfte erfahren, was da passiert. Das verstehe ich schon als die Devise: Man kann hier sein, tun und lassen wie man will – auch mal die Sau rauslassen – denn: es sieht ja keine Frau. Aber wie gesagt, die Geschichte ist eine Weile her, ich war nicht selbst da und kann nicht sagen, wie es heute ist.

frachtwerk: Die Fasnacht ist ein Ausdruck vonTradition. Sie ist gleichzeitig auch ein Anlass für deren Infragestellung. Was muss die Fasnacht unbedingt beibehalten, wo sollte sie sich verändern?

Josephine: Wichtig ist die Offenheit fürVeränderungen, ohne das als einen Angriff auf die Traditionen zu sehen.

Sira: Es gibt schon sehr viel Veränderung, beispielsweise mit den ganzen Bühnen in der Stadt und dass man sich überall anmelden muss. Man ist lange nicht mehr so frei wie früher. Mir gefällt die Fasnacht so, wie sie ist. Manchmal sollte man nicht alles hinterfragen, sondern einfach geniessen.

Patrick: Unbedingt beibehalten sollte sie die Kreativität und das Selbstverständnis, dass es eben kein Konsumanlass ist. Es ist ein Anlass, an dem Menschen etwas produzieren und für andere auf die Beine stellen. Davon lebt die Fasnacht. Das macht sie interessant. Leider sehen es viele als einen Konsumanlass, wie jeden anderen. Man geht einfach hin, um sich die Lampe zu DJ-Klängen zu füllen und zu Techno aus der Dose zu tanzen. Das ist nicht Fasnacht und hat mit ihr nichts zu tun. Raum, der für Kreatives genutzt werden könnte, wird genutzt für den Schrott, den es doch ohnehin das ganze Jahr gibt.

frachtwerk: Wie sieht deine Fasnacht der Zukunft aus?

Sira: So, wie sie ist, finde ich sie gut. Sie ist mit viel Tradition verbunden, und ich wüsste nicht, was ich ändern könnte.

Josephine: Weniger Sexismus und mehr Kreativität, insbesondere bei der Kostümwahl der Besucher:innen.

Patrick:  Die Fasnacht der Zukunft hat weniger starre Ordnungen und durchorganisierte Platzzuweisungen. Diese nehmen der Fasnacht nämlich ihren wilden Charakter und den Platz. Weiter ist die Fasnacht immer noch sehr weiss geprägt. Das merkt man. Man sollte sie stärker für andere Kulturen öffnen und Menschen stärker miteinbeziehen. Sonst gehen sie der Fasnacht verloren, weil man sie nicht abholt. Meine Fasnacht der Zukunft holt die Menschen ab.

Adrian: Eine Tradition stirbt im Normalfall von selbst aus, wenn niemand mehr daran festhält. Umgekehrt bleibt eine Tradition so lange am Leben, wie es Menschen gibt, die sie ausleben.


* Als Safe Spaces bezeichnet man in den Sozial- und Geisteswissenschaften Orte, wo Menschen sicher vor Diskriminierung sind.

Infobox

Amerkung der Redaktion: Einige der von uns angefragten Personen wollten sich – schon gar nicht mit Klarnamen - nicht zur Fasnacht äussern. Themen wie Transfeindlichkeit im Fasnachtskontext (siehe transfeindlicher Beitrag im Knallfrosch 2022) oder Rassismus und kulturelle Aneignung wurden von den Interviewteilnehmer:innen nicht angesprochen, obwohl dies herrschende Diskriminierungsstrukturen im Rahmen der Fasnacht sind.