Satire gegen die Ungleichheit
Schon seit einiger Zeit ist Lynn feministisch aktiv und schon oft hatte sie keinen Bock mehr auf Anfeindungen und immer wieder dieselben Diskussionen. Im Gespräch erzählt sie, wie sie mit ihrem Projekt «Dorfmatratze & Friends» unter anderem einen Weg gefunden hat, feministisch aktiv zu sein, ohne dabei völlig auszubrennen.
Autor:in:
Flavia Schnyder
Hinweise:

frachtwerk: Magst du zu Beginn erzählen wie du auf die Idee für das Projekt «Dorfmatratze & Friends» gekommen bist und was es mit dem Namen auf sich hat?

Lynn: «Dorfmatratze & Friends» ist eine Kollektion, die bei einem fiktiven Label namens «GRRR COUTURE» entstanden ist. Das ist im Rahmen meiner Bachelorarbeit in Textildesign passiert. Darauf gekommen bin ich, weil mich die Schnittstelle von Kostümen, Alltagskleidung und Satire interessiert. Weil ich selbst feministisch und politisch aktiv bin, wollte ich, dass es um feministische Satire gehen sollte. Der Name «Dorfmatratze & Friends» ist im Arbeitsprozess entstanden. Da war schnell das Bild der Dorfmatratze im Raum.

Ich komme vom Land, also aus dem Dorf. Dieser Begriff ist in meiner Jugend oft gefallen und ein Sinnbild für mich, wie Sexismus in unserer Sprache kultiviert und toleriert wird. Deswegen ist das eine Kostüm aus dieser Figur entstanden. Der Titel ist dieser Figur gewidmet. Sie ist der Ausgangspunkt für alle anderen Outfits oder Teile. Und Friends… Ich wollte etwas Popkulturiges, etwas Catchiges nehmen, was wiederum ironisch gemeint ist, wie auch «GRRR COUTURE» als Kommentar zur Modeindustrie.

frachtwerk: Du hältst mit dieser Kollektion unserer Gesellschaft einen Spiegel vor. Wie haben die Menschen darauf reagiert?

Lynn: Ich konnte die Kollektion in unterschiedlichen Kontexten ausprobieren oder zeigen und verschiedene Menschen haben die Kostüme angezogen. Das feministische Kollektiv Nidwalden hat die Kostüme für ein Fotoshooting und Mini-Performances auf dem Dorfplatz in Stans getragen. Sie sind dabei nicht gross auf die Leute eingegangen, sondern haben ihr Ding durchgezogen. Es waren Irritationsmomente im Alltagsbild, aber überraschenderweise kam es nie zu direkten Anfeindungen. Viele Leute mussten lachen, auch aus dem Dorf. Ein anderer Moment war am Feministischen Streik 2023. Am 14. Juni trugen meine Freund:innen alle Kostüme.

Es kamen viele Reaktionen darauf. Die Leute fanden es sehr witzig und konnten es auch kontextualisieren, was vielleicht in Stans etwas schwieriger war. Der dritte Kontext war auf der Bühne an einem Konzert der Band Café Complet. Sie haben die Kostüme auch getragen. Wie am 14. Juni kamen starke und sehr positive Reaktionen. Ich dachte, es würde viel mehr anecken. Eine Idee wäre, die Kostüme in den Kontext der Töffli-Rally in Nidwalden zu bringen. Das ist ein riesiges Fest. Es ist jetzt Unesco-Kulturerbe, oh mein Gott, aber anderes Thema. So eine Hundsverlochete. Hier könnte man ganz schön provozieren.

frachtwerk: Hast du das Gefühl, es hat zu wenig provoziert?

Lynn: Vielleicht nicht zu wenig, aber ich hätte irgendwie noch Lust, ein bisschen in der Wunde zu stochern. Ich werde sicher noch weitermachen mit «GRRR COUTURE». Ich habe mir überlegt, die zweite Kollektion vielleicht noch bisschen hässiger zu gestalten oder an einem anderen Ort zu kontextualisieren. Bis jetzt ist das eher in einem Safer-Space passiert wie eben am Streik. Das Label ist ja fake und ich finde es eigentlich lustig, wenn es fake bleibt. Ich möchte aber nicht, dass die Stücke nun irgendwo im Schrank verstauben.

Auch finanzieller Gewinn ist nicht das Ziel. Vielleicht verschenke ich die Kostüme oder mache ein Leihsystem daraus. Im Moment sind auch alle Sachen ausgeliehen. Es wäre cool, wenn sie einfach immer ein bisschen im Umlauf bleiben.

Bild: Elena Voelkle

frachtwerk: Welche Erfahrungen haben die Menschen gemacht, die die Kostüme trugen?

Lynn: Es war sehr spannend, wie die Leute reagiert haben, die die Kostüme trugen. Bei der Anfrage wusste niemand so genau, was passieren wird. Es gab teilweise Hemmungsmomente bezüglich des Themas, sich zu verkleiden - und auch das Thema Eitelkeit kam auf. Es sind teilweise Mode- oder Fashionpieces. Obwohl wir es uns im Feministischen Streik Nidwalden gewohnt sind, uns zu exponieren und negative, direkte Reaktionen zu bekommen auf feministische Aktionen, hatten viele Menschen Hemmungen, so durchs Dorf zu spazieren.

Gleichzeitig gab es Personen, die sich so wohl fühlten. Zwei Freundinnen von mir hätten mit den Dorfmatratzenkostümen fast angefangen rumzumachen auf der Kirchentreppe. Das sind spannende Auseinandersetzungen und das habe ich mir auch gewünscht, dass es dazu kommt bei den Leuten, die sie tragen.

Die Leute waren sehr blickausgesetzt und ich wollte auch den Male-Gaze kritisieren oder provozieren mit dieser Arbeit. Das Kleid mit all den Nippeln spielt auch ein bisschen damit. Mehrere Teile spielen damit. Wir haben oft darüber gesprochen, wie sich diese Blicke anfühlen.

Ich trug die Kostüme selbst und es ist spannend, was es mit einem macht. Das Schöne ist, dass es für die meisten empowernd war, weil sie in diesem Moment eine Figur waren und nicht eine Privatperson. Sie hatten sozusagen eine Rüstung an. Das war etwas, womit ich nicht gerechnet hatte, und das war schön.

frachtwerk: War es für dich eine positive Erfahrung mit diesen Kostümen in der Öffentlichkeit herumzulaufen?

Lynn: Ja, mega. Es hat schon auch Überwindung gebraucht. Eines der Kleider habe ich an meiner Diplom-Feier angezogen. Es waren alle so todschick dort und ich kam mit meinem Nippel-Dress. Ich habe gespürt, dass es sehr irritiert, so im KKL in diesem schicken Saal. Aber weil ich hinter dieser Arbeit stehe, war das eine sehr positive Erfahrung. Ich werde die Kostüme im Sommer wieder anziehen.

frachtwerk: Was kommt dir in den Sinn, wenn du an Spiegel denkst?

Lynn: Reflexion? In den Spiegel schauen wir jeden Tag und es ist wie eine Abstraktion, denn es ist ein Bild, das nicht real ist. Ich glaube es ist sehr wichtig, dass man nicht einfach in den Spiegel schaut, sondern, dass man wirklich die Reflexion auch bei sich selbst macht und eben auch in Bezug auf gesellschaftliche Themen und dann wiederum in Bezug auf sich selbst.

Bild: Elena Voelkle

frachtwerk: Was spiegeln denn die einzelnen Kostüme wider?

Lynn: Ich habe die Kostüme zu Themen gemacht, die mich in dem Moment beschäftigten oder ärgerten. Ich spreche dann jeweils von Figuren und es sind so hässige oder genervte Momente meiner persönlichen Auseinandersetzung mit unserer Gesellschaft und feministischen Ansprüchen, die nicht erfüllt sind, die sich in den Figuren widerspiegeln. So ist zum Beispiel das Nippel-Sujet durch Instagram entstanden.

Nippel von weiblich gelesenen Personen werden zensiert und jene von männlich gelesenen Personen nicht. Viel banaler und offensichtlicher kann Sexismus nicht mehr sein. Es geht aber auch um komplexere und auch schwerere Themen, worauf zum Beispiel das Outfit mit den abgehackten Fingern hinweist. Dort geht es um Erfahrungen von Friends von mir, die im Ausgang alle schon mal Übergriffe erlebt haben.

Dann gibt es konzeptuellere Sachen, die ich probiert habe, wie die Anti-Macho-Club-Badges in den Farben der Suffragettenbewegung. Das Ziel wäre, dass sich diese verbreiten. Die Themen sind teilweise sehr persönlich und gleichzeitig glaube ich, dass ganz viele weiblich sozialisierte Personen in unserer Gesellschaft in der Schweiz dieselben Themen beschäftigen.

frachtwerk: Hast du ein Lieblingsstück von deiner Kollektion?

Lynn: Ich glaube die Dorfmatratze, weil sie so skurril ist und sehr «in your face». Sie macht so eine Kastenform aus dem:der Träger:in und sie ist einfach schräg.

frachtwerk: Sollten Kleider satirisch sein?

Lynn: Vielleicht eher politisch? Diesen Bereich finde ich sehr spannend, wenn Mode plötzlich politisch wird. Mode an sich ist teilweise problematisch und gleichzeitig auch mega schön. Ich finde, Kleider sollten Spass machen und zugleich kritisieren können.

Bild: Elena Voelkle

frachtwerk: Du hast die Problematik von Mode angesprochen. Was wünschst du dir allgemein von der Modeindustrie oder von Textildesign?

Lynn: Oh, da wünsche ich mir ganz viele Veränderungen. Das war auch immer so ein Konflikt bei mir im Studium. Die Textilbranche ist eine der grössten Umweltverschmutzerinnen, die es gerade gibt. Ich glaube die zweitgrösste neben Öl. Ich habe zum Beispiel bei diesem Projekt nur mit «Abfall» gearbeitet, also mit alten Kleidern oder Materialien, die schon gebraucht wurden. Es gibt immer mehr Entwicklungen in diese Richtung. Das finde ich cool.

Ich wünsche mir einen nachhaltigeren Umgang damit. Natürlich von jeder einzelnen Person aber auch, dass aufgehört wird, so viel zu produzieren, wenn wir eine riesige Überproduktion haben jedes Jahr. Auch, dass wir als Konsument:innen überlegen, bevor wir ein Zalando-Päckli bestellen und lieber unsere alten Pullis anfangen zu flicken. Selbst Kleider zu machen, kann ich übrigens nur empfehlen. Es ist der grösste Spass! Ob satirisch oder nicht.

Das eine ist die Modeindustrie, das andere ist das ganze Markengedöns. Das finde ich schon sehr abgefuckt. Meine Kollektion ist auch als Kommentar zu diesen Marken gemeint. Ich habe überall ein Label reingenäht und den Titel des Kostüms. Aber ja, ein bisschen mehr Slow Fashion und nicht so fast. Das wär cool!

frachtwerk: Wie sieht deine persönliche Utopie aus - und kann deine Kollektion etwas zu dieser Utopie beitragen?

Lynn: Ich hoffe sehr, dass meine Kollektion etwas dazu beitragen kann. Ich bilde mir auch nicht ein, dass ich mit diesen 15 Kleidungsstücken allzu viel verändern kann. Vielleicht im Kleinen.  Persönliche Utopie? Ich würde mir wünschen, dass die Leute reflektierter sind. Sei es in Bezug auf soziale Ungerechtigkeiten, in Bezug auf Sexismus oder Gender Gap oder Konsum.

Ich wünsche mir eine Welt, in der die Leute vorsichtiger mit Materialien und Menschen umgehen. Ich hoffe, dass meine Kollektion zum Nachdenken angeregt hat. Beispielsweise: "Ah, habe ich das Wort Dorfmatratze früher nicht auch gebraucht, für die und die Person? Wieso habe ich dieses Wort verwendet? Ist das nicht problematisch?"

frachtwerk: Wie hat das Projekt den Umgang mit patriarchalen Rollenbildern und Stereotypen beeinflusst?

Lynn: In diesem Sinne: Spiegeln. Sich das gar nicht zu Herzen nehmen persönlich, sondern den Bullshit direkt zurückspucken. Ich finde, es gibt ziemlich viel Energie zurück. Ich glaube das kennen alle Personen, die sich mit feministischen Themen auseinandersetzen. Es macht mega weh und es ist sehr anstrengend und es steckt viel unbezahlte Arbeit drin.

Es kann einen in ein Loch ziehen und der Humor ist eine coole Strategie, um das Ganze umzukehren und Energie daraus zu gewinnen, um weiterzumachen. Ich war auch schon an Punkten, an denen ich fand, ich habe keinen Bock mehr, aktivistisch tätig zu sein. Es kommen nur Anfeindungen und Diskussionen auf mich zu, die ich nicht mehr führen möchte. Nach diesem Projekt habe ich gedacht: "Ah geil, ich will noch mehr." Das war cool.

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