Blutige Reflexionen: Wie mir ein Vampirfilm ein Trauma bescherte
Was Polańskis Film «Tanz der Vampire» mit mir machen konnte, dass ich selbst meinem eigenen Spiegelbild nicht mehr traute: Es stellte sich heraus, dass ich weder spitze Zähne fürchtete, noch das Fledermäuse meine wirkliche Angst waren. Ich war einfach zu jung für diesen Film – ich hatte ein Trauma.
Autor:in:
Soley Tobler
Titelbild:
Nothing Ahead
Hinweise:

Draussen ist es bereits Nacht und dicke Schneeflocken fallen vom Himmel. Das Licht ist gemütlich und warm. Auf dem Sofa sitzen Vater und Tochter und schauen sich gerade die letzten vier Minuten eines Films an. Es wäre die perfekte Kulisse für eine weihnachtliche IKEA-Werbung. Zumindest, wenn aus den Lautsprechern des Computers keine Frauenschreie zu hören wären, sondern der Abspann von Aschenbrödel - und der Gesichtsausdruck des Kindes freudig und nicht traumatisiert wäre.  

Als Ich da auf dem Sofa sass, war ich etwa fünf Jahre alt. Der Film, den wir schauten, hiess "Tanz der Vampire" – Eine Horrorkomödie aus dem Jahr 1967 von Roman Polański. Die Geschichte handelt von einem Professor, der mit seinem Schüler durch Transsilvanische Alpen reist, auf der Suche nach Vampiren. Sie wollen deren Existenz beweisen.  

Vom Monster zum Bad Boy

Vampirfilme gibt es schon seit der Stummfilmzeit aus dem letzten Jahrhundert. Während dieser Zeit veränderte sich die Darstellung des Vampirs im Film parallel zur Entwicklung unserer Gesellschaft. Anfänglich wurden Vampire als grausame, dämonenähnliche Gestalten gezeigt. Diese Darstellung beschränkte sich meist auf männliche Figuren mittleren Alters.  

Das Erscheinungsbild änderte sich erstmals in Anlehnung an ein literarisches Werk von John Keats, in dem eine Verbindung zwischen der Vampirmythologie und der Femme Fatale hergestellt wird. So erhielt die Figur des Vampirs eine erotische, gar verführerische Charaktereigenschaft. Das regte zahlreiche Individuen im Laufe der nächsten Jahre dazu an, das Phänomen Vampir in eigener Vorstellungskraft neu auszulegen und zu veranschaulichen.

Der Untote wurde zum sexy Badboy. Vor allem durch die Twilight Saga wurden Vampire in der heutigen Zeit für viele Jugendliche zu einem verführerischen Ideal. Das Monster erhielt mit seiner Schönheit und der sexuellen Ausstrahlung eine trügerische Facette.

Redflag für Kinder!

Viele Menschen können sich gut mit dem Aussenseiter-Dasein, das Vampire darstellen, identifizieren. Oder bewundern die übernatürlichen Kräfte, die sie so besonders macht.

Aber Achtung: Redflag! Wenn Vampire doch so toll sind, wovor hatte ich solche Angst? War es die Hilflosigkeit in der Nacht? Das Wissen, dass uns eine überlegene, menschenähnliche Gestalt jagen will? Der Biss in den Hals, einer uns sonst intimen, verletzlichen Stelle? Ähnlich wie das Gefühl, nachts alleine nach Hause zu gehen und verfolgt zu werden, war es bei mir der Blick in den Spiegel. Ich hatte das Gefühl, meinem eigenen Spiegelbild nicht mehr trauen zu können. Dem Objekt, dem man sonst die Wahrheit zuspricht.  

Vampire können sich nicht im Spiegel sehen, da die Kirche den Untoten ihre Seele absprach. Der Spiegel erkennt den Trug und spiegelt dessen Abbild nicht. Meine Angst beruhte also nicht drauf, dessen vermeintliches Spiegelbild nicht sehen zu können, sondern die Gefahr im Rücken nicht wahrzunehmen – dem Verfolger auf dem Nachhauseweg nicht entkommen zu können.

Die Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit

Die Altersfreigabe des Films ist ab 12 Jahren. Ich war also 7 Jahre zu früh dran. Das kann passieren. Trotzdem wären selbst die Teletubbies noch besser gewesen. Meinem Vater war nicht klar, dass, obwohl ich noch klein war, der Film trotzdem in meiner Erinnerung bleiben würde und zwar mehr, als uns allen lieb war. Ab diesem Moment konnte ich nicht mehr alleine ins Dunkle. Der Keller war absolut tabu, alle Fenster mussten in der Nacht geschlossen werden, ich konnte nicht mehr alleine schlafen. Kurz gesagt: Es war der Horror. Nicht nur für mich, sondern auch für meine Mutter. Denn mich ins Bett zu bringen war ab da wirklich eine Tortur.

Polanski ist mir noch immer unsympathisch und auch meine Füsse müssen noch immer unter der Decke eingepackt sein. Aber immerhin: Die Angst konnte ich loswerden. Und auch der morgendliche Blick in den Spiegel wird nicht mehr hinterfragt. Meistens jedenfalls.

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