Alle Jahre wieder? – Neukreation des «Nussknacker» vom Theater Basel

«Der Nussknacker» gilt seit seiner Uraufführung im Jahr 1892 als der weihnachtliche Ballettklassiker schlechthin. Er ist zu einem unverzichtbaren Teil des winterlichen Tanz-Repertoires geworden und entführt das Publikum in magische Zauberwälder, verschneite Traumlandschaften und schillernde Märchenwelten. Diese typische Weihnachtsgeschichte wird mit Marco Goeckes Neukreation vom Ballett des Theater Basel radikal dekonstruiert und in seiner Idylle gänzlich gebrochen.

Autor:in:
Lisa Maria Kocher
Hinweise:

Alle Jahre wieder bringt «Der Nussknacker» eine Überfülle an Glitzer, Glanz und Dekor mit sich. Es ist also durchaus berechtigt, bei dieser meist übertrieben aufwendiger und pompös wirkender Produktion, sich die Frage zu stellen: Viel Lärm um Nichts? Das Theater Basel beweist, dass es auch anders geht. Statt zuckersüssen Fantasien erwartet das Publikum ein düsterer Schwebezustand; wir befinden uns als Zuschauende irgendwo zwischen Traum und Realität, zwischen verflossener Wirklichkeit und Fiktion. Fernab der Erwachsenenwelt tauchen wir ein und erleben die inszenierte Erzählung aus den kindlichen Augen der beiden Hauptdarstellenden: Marie und Fritz. Sie nehmen uns mit auf ihre Reise in eine phantastische Welt voller psychologischen Tiefen, verästelten Ängsten und dunklen Sehnsüchten.

Kuriose Körper zwischen beschwingten Melodien

Während die von Alexandre Dumas geschriebene Libretto-Fassung sich als populäre Vorlage für das Ballett «Der Nussknacker» erfolgreich durchsetzen konnte, kehrt die gesellschaftskritische Werkadaption des Theater Basel zurück zum Ursprung: Sie lässt sich frei nach E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen «Nussknacker und Mäusekönig» inspirieren, und besinnt sich zugleich auf die musikalische Originalpartitur von Pjotr I. Tschaikowski. Damit wird eine faszinierende Spannung zwischen der feierlich klingenden Musikkomposition und einer nervös wirkenden, stakkatohaften Tanzsprache geschaffen – eine musikalisch-tänzerische Kombination, die auf den ersten Blick fragwürdig erscheinen mag, vielleicht aber genau deshalb so unter die Haut kriecht und bei den Zuschauenden ein stimulierendes Unbehagen auslöst.

Diese bewusst eingesetzten Irritationsmomente ziehen sich wie ein roter Faden durch das Stück: Anstelle eines aufwendig gestalteten Bühnenbilds erwartet uns eine kahle und kalt-fröstelnde Atmosphäre, die sich auch in den minimalistischen Kostümen widerspiegelt. Die gesamthafte Impression des Abends bewegt sich zwischen dunkelblauen sowie nachtschwarzen Farbtönen – und wird lediglich von Zeit zu Zeit durch die Videoprojektion eines matten Sternenhimmels im Hintergrund aufgehellt. Auch das hektische Geschehen auf der Bühne trägt zu einem spürbaren Verfremdungseffekt bei. Was dem Publikum präsentiert wird, ist

nämlich alles andere als klassisches Ballett, gepaart mit Anmut und Eleganz: Es sind zappelige, teils fast unbeholfen wirkende Bewegungen, die die Körper auf der Bühne durchzucken – nichts bleibt statisch. Jede noch so kleine Gliedmasse krümmt und biegt sich in alle möglichen Richtungen, verdreht sich auf alle möglichen Seiten. Es sind zwar Menschenkörper, die zu sehen sind, doch sie verhalten sich sonderlich kurios – wie Kreaturen von einem anderen Planeten. In einer unheimlichen Schnelligkeit werden die Beine und Arme von links nach rechts, von unten nach oben, geschleudert. Trotz dieses rasanten Tempos, das getreu dem musikalischen Werk von Tschaikowski folgt, drückt sich die marionettenhafte Bewegungssprache der Tänzer:innen mit einer beachtenswerten Präzision aus. Das Ballett wie auch Sinfonieorchester des Theater Basel erbringen glänzende Höchstleistungen.

Eine waghalsige tanztheatrale Neudeutung

Die choreografische Handschrift dieses Nussknackers lässt die Grenzen zwischen Tanz und Theater zunehmend verschwimmen: Bereits ganz zu Beginn durchbricht die Figur Fritz, Maries Bruder, die Geräuschkulisse und kreischt voller Aufregung das Wort «SCHNEE» in den mucksmäuschenstillen Saal hinein. In diesem Tanzstück wird nicht nur getanzt – es wird geredet, gewitzelt, geschlürft und gepfiffen. Unsinnige Wortfetzen entweichen den grossen Mundwerken dieser aufblühenden Kreaturen. Oft geschieht dies auf eine belustigte, freche Ausdrucksweise. Während die Figur des Drosselmeiers – oszillierend zwischen verschiedenen Fantasiewelten – beinahe hypnotisch den Satz «Alles ist aus Glas» wie ein Mantra vor sich hin flüstert, werfen sich die restlichen Figuren ein Fluchwort nach dem anderen an den Kopf. Einen irrsinnigen, teils fast schon zum Wahnsinn treibenden Zustand, in welchen das Publikum versetzt wird.

Trotz verdientem Lob und Anerkennung dieser Neuinterpretation, bleibt gleichzeitig Vieles vage im Raum stehen. Mit berechtigter Verwirrtheit gestaltet es sich als Zuschauer:in zu grössten Teilen schwer, der Geschichte inhaltlich zu folgen. Die meisten Tänzer:innen sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Auch im Hinblick auf zeitliche Dimensionen beginnt sich die Aufführung nach dem zweiten Akt in die Länge zu ziehen. Es ist und bleibt ein gewagter Versuch einer mutigen «Nussknacker»-Adaption. Doch vielleicht ist es auch gerade dieser Zustand von Un-Verständnis – mit dem uns das Stück aus dem Theatersaal entlässt – das nachhaltig zum Denken und belebenden Diskutieren anregt.

Verlosung

Infobox

«Der Nussknacker» wird vom Theater Basel im Februar und März insgesamt noch sechsmal aufgeführt. Hier geht's zu den Tickets.