Deckenlampen und Rastlosigkeit – wieso Neujahrsvorsätze sowieso nie aufgehen

Der Februar ist der Monat, in dem Neujahrsvorsätze leise verschwinden. Und irgendwo in einer Ecke steht eine Deckenlampe, die man eigentlich aufhängen wollte. Ein Essay über aufgeschobene Ziele.

Autor:in:
Lena Schibli
Titelbild:
z.V.g.
Hinweise:

Neujahrsvorsätze sind wie Deckenlampen. Genauer gesagt, wie diese eine orangefarbene Ikea-Vintage-Deckenlampe, die ich seit Jahren von Wohnung zu Wohnung in Luftpolsterfolie eingepackt mitschleppe und die es trotzdem nie bis an die Decke schafft. Die brennende Frage: Was hat eine verstaubte Lampe mit Rastlosigkeit und der kollektiven Selbsttäuschung namens Neujahrsvorsätze zu tun?

Um zur ominösen Deckenlampen-Analogie zu kommen, muss ich ein wenig ausholen. Oft fühlen wir uns wie eine Fahne im Wind, insbesondere im vergangenen Jahr 2025 und der aktuellen Weltlage. Ein wieder aufflammender salonfähiger Faschismus in den USA, gespickt mit Dauerschleife-Fiebertraum-News aus dem MAGA-Lager, Rechtsrutsch in Europa, Krieg im Sudan, in der Ukraine, Genozid in Gaza und eine Klimakrise, die längst kein Zukunftsszenario mehr ist. Jeden Tag neue Schlagzeilen und irgendwo dazwischen leben wir unser Leben.

Also wechseln wir Städte, Jobs, Freund:innen, Vorlieben, Interessen und Zukunftswünsche, oft in rasendem Tempo. Nun ist ja logisch, dass man bei all diesen Wetterturbulenzen als Fahne irgendwann nicht mehr nachkommt: Die Windböen ziehen uns nach links, rechts, oben, unten, Salto hier, freier Fall da.

Als Fahne hat man irgendwann einfach keine Orientierung mehr, sondern ist nur noch in Bewegung. Und genau in diesem Zustand entstehen Neujahrsvorsätze. Sie sind der verzweifelte Versuch, dem Chaos eine Richtung zu geben. Ab Januar wird alles anders, sagen wir. Strukturierter. Klarer.

Damit zurück zur Deckenlampe. Eine gute Geschichte soll ja nahbar sein und was ist nahbarer als eine verstaubte, vernachlässigte, verwahrloste Deckenlampe, die ausser beim Zügeln seit Jahren nicht angerührt wurde? Ein verdammt trauriger Anblick, diese Lampe. Schon viele Zimmer hat sie gesehen, in genau so vielen Ecken lag sie bereits ungenutzt herum. Seit ihrem Kauf ringt sie um meine Aufmerksamkeit und fragt sich wahrscheinlich, wann sie denn endlich mal aufgehängt wird, und endlich ihr ganzes Können, ihr ganzes Sein zum Ausdruck bringen darf. Pathos hin oder her, die Lampe ist Sinnbild für (meine ganz persönliche) Rastlosigkeit. Irgendwas hielt mich immer zurück, diese Lampe aufzuhängen. Faulheit, redete ich mir ein, oder: Jetzt lohnt es sich nicht mehr, ich ziehe ja bald wieder um. Nachttischlampen hatte ich schliesslich genug. Irgendwo brannte also immer ein Licht.

Doch dieses Jahr wird alles anders. Die Lampe soll nun endlich hängen. Ein klassischer Neujahrsvorsatz also. Eine Studie der Universität Scranton zeigt, dass nur etwa 8 Prozent der Menschen ihre Neujahrsvorsätze langfristig umsetzen und die meisten Menschen ihre Vorsätze am 19. Januar schon aufgegeben haben. Wieso vernachlässigen wir unsere Neujahrswünsche und Ziele so schnell? Ein Grund dafür liegt in der Art, wie wir Ziele setzen und wahrnehmen. Sie beruhen oft mehr auf Idealismus als auf realistischen Verhaltensmustern und wir verlieren uns in Selbstoptimierungswahn. «Von Anfang an sind Vorsätze mit Scheitern und Aufschub verbunden», erklärt Timothy Pychyl, Associate Professor für Psychologie an der Carleton University in Ottawa, dessen Forschungsschwerpunkt auf Prokrastination liegt, gegenüber BBC.

Vier Jahre lang gehörte ich auch dazu, doch nun glaube ich es selbst fast nicht: Die Lampe, die ich aus so vielen Winkeln betrachtet und so oft neu verpackt habe, hängt tatsächlich in meiner Wohnung.

Es ist also Februar 2026, und die Lampe hängt. Und sie ist verdammt hässlich. Also das Licht, wirklich. Grell und ungemütlich. Wenn ich unter ihr stehe, fühle ich mich wie ein Bibeli unter der UV-Wärmelampe im Naturmuseum an Ostern.

Was lernen wir aus der Geschichte? Vielleicht nichts Weltbewegendes. Dass sich Dinge, die wir jahrelang aufschieben, mit Bedeutung aufladen und wenn wir sie dann endlich erledigen, enttäuschend banal enden. Und dass diese Enttäuschung erstaunlich folgenlos bleibt. Die Lampe hängt, das Licht ist schlecht, mein Leben ist weder strukturierter noch erleuchteter als zuvor.

Manchmal ist eine Deckenlampe einfach nur eine Deckenlampe. Und ein Neujahrsvorsatz genau das: viel Lärm um nichts.

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