Die lauteste Jahreszeit

Luzerns fünfte Jahreszeit ist bei weitem die Lauteste. Während der Fasnacht füllen sich die Strassen mit bunten Massen – und Lärm. So selbstverständlich wie Konfetti ist auch das Donnern der Guuggenmusigen. Dass die Guuggen durchaus auch musikalisch mehr können, beweisen die Näbelhüüler Äbike.

Autor:in:
Noah Sigrist
Titelbild:
z.V.g.
Hinweise:

Wenn sich die Näbelhüüler Äbike am Dienstagabend treffen, erkennt man sie fast nicht, ohne Masken und Kostüme. Beim zweiten Blick fallen dann vereinzelte Grinde oder ein wartendes Sousaphon auf. Die rund 70 Musiker:innen haben gerade Hochsaison, bereits vor dem Urknall ist die Guugge viel unterwegs, an Events wie der Bahnhofs-Guuggete. Beim Probeabend Ende Januar zeigen sich die Näbelhüüler entspannt. Instrumente werden eingespielt, man erzählt vom Wochenende oder von einer Passage, die besonders geübt wurde. Sobald die Probe beginnt, schlägt die volle Wucht dann ein. Den markanten, blechernen Sound einer Guuggen-Musig beherrschen die Näbelhüüler präzise.

Seit der Gründung 1983 haben sich die Näbelhüüler einen Namen gemacht mit hoher musikalischer Qualität. In Luzern gehören sie zu den grössten Namen, auch weil sie herausstechen. «Auch wenn ‘das knallrote Gummiboot’ gespielt wurde, man hat es anders präsentiert», beschreibt es Vereinspräsident Reto Wymann. Er und Beat Wenk, ebenfalls im Vorstand und Paukist, nehmen sich während der Probe einige Minuten für ein Gespräch. Während sie Fragen beantworten, schallt im Hintergrund das Fasnachtsprogramm.

Die Näbelhüüler würden musikalisch immer weiter optimieren und am Sound tüfteln. Von selbst ist der gute Ruf nicht entstanden, denn die Guugge verlangt viel von ihren Mitgliedern.

Das Rezept hinter dem Sound

Seit Oktober proben sie zwei Mal pro Woche. Für die einzelnen Mitglieder fängt die Arbeit schon Wochen vorher an. «Anfang Sommerferien werden die Noten verteilt», erklärt Wenk. Danach ist Selbststudium angesagt. Wenk und Wymann sind sich bewusst, dass viel verlangt wird. «Wer zu uns kommt, ist bereit, etwas mehr zu machen», räumt der Präsident ein, denn es brauche «etwas mehr». Auch Wenk ergänzt: «Wenn man den Willen nicht hat, ist irgendwann de Pfus dusse»

Nicht alles dreht sich um die Musik. Eine Mischung aus Kreativität, Musik und Sozialem macht die Näbelhüüler aus. Auch ausserhalb der Proben sind sie viel zusammen unterwegs, in den Ferien oder beim Grillieren. Hat jemand eine schwierige Phase, könne der Verein Halt bieten, meint Wenk. «Wie eine riesige Patchwork-Familie» ergänzt Wymann und lacht.

Das Rezept der Näbelhüüler geht auf. Der hohe musikalische Anspruch hat auch professionelle Musiker:innen angezogen. In den Reihen der Guugge finden sich klassisch ausgebildete Profis, der Tambourmajor selbst spielt beim renommierten Luzerner Sinfonieorchester. Sind die Näbelhüüler also ein Orchester, das statt Anzug grelle Kostüme trägt? «Überhaupt nicht», sagt Wymann. Vom Anwalt, der Richterin und den «Finanzheinis» bis hin zu Studierenden und Detailhändler:innen wäre die Gugge eine bunte Mischung.

Das zieht an. Viele Mitglieder kommen aus der Luzerner Agglo, aber auch Ob- und Nidwalden sind vertreten. Wer hinhört, kann sogar einen Basler Dialekt in der Gruppe hören. «Wir haben einfach viele Macher im Verein», bringt es Wymann auf den Punkt.

Der Aufwand einer Fasnacht

Nach einem pandemiebedingten Ausfall zieht die fünfte Jahreszeit immer mehr Besuchende an. 2025 wurden gar Rekordmassen gemeldet. Das Verhalten der Massen und das Brauchtum selbst sind im stetigen Wandel, was auch Beat Wenk beobachtet. Früher seien Sujets politischer gewesen, hätten etwa gegen Politik gestichelt. Heute würde es eher darum gehen, dem Publikum Neues zu bieten. Für die Näbelhüüler bedeutet das viel Aufwand. Der Verein agiere fast wie «ein kleines Unternehmen», formuliert Wymann. Es gibt eine Kommission, die die Musikauswahl trifft, eine für das Sujet und den Wagenbau. Die Arbeitsstunden würden sie nicht zählen, heisst es, weil sie die Arbeit gerne machen. Während der Fasnacht mobilisieren sie Kräfte, die sie sonst nicht hätten. Aber: «Während der fünften Jahreszeit geht das.»

Mindestens einmal pro Fasnachtstag essen die Näbelhüüler zusammen. Die warme Mahlzeit ist obligatorisch. Der Probeaufwand soll nicht einem Kafi Träsch über den Durst zum Opfer fallen. Wenk und Wymann vergleichen es mit Sport. Monatelanges Training soll sich auch auszahlen.

Mit Ambition und Tradition

Die beiden Vorstandsmitglieder beschreiben einen ambitionierten Verein. Vertragen sich diese hohen Ansprüche mit der anarchischen Energie der Fasnacht? Absolut, meint Wymann. Die Fasnacht würde ausmachen, dass alles einen Platz hätte. In der Guuggen-Hochburg Ebikon gäbe es zum Beispiel sechs grosse Vereine. Fasnächtler:innen könnten entscheiden, zu welchem Verein sie wollen, «auf was sie setzen wollen». Ob Sujet, Alter und Freundeskreise oder Musik, für alle Präferenzen ist gesorgt. Das eine sei nicht besser als das andere, betont Wymann: «Wir zelebrieren es halt anders.»

Bei den Näbelhüülern haben sich auch Aspekte entwickelt. Heute gibt es mehr Frauen und Kinder (seit 2017 gibt es mit den NH-Kids auch für die Kinder der Näbelhüüler eine Gruppe). Heute ist der Verein, so Wenk, «Ein Abbild der Gesellschaft».

Auch das Brauchtum Fasnacht selbst bleibt nicht stehen. Heute gäbe es mehr Platz für Kreativität und Diversität. Grosse Formationen wären präsent, ja, es gäbe aber immer noch Platz für Kleinformationen. «Auch Schellenbäume und Klarinetten haben Platz», sagt Wymann. Die Fasnacht funktioniere nur, weil alle Platz hätten. Und natürlich wegen der zahllosen Menschen, die sie möglich machen – Kreative und Publikum genauso wie Ordensleute oder Reinigungskräfte.

Im Gespräch mit Wymann und Wenk scheint immer wieder durch, wie die Näbelhüüler Äbike dafür brennen, mit der Musik nicht nur sich, sondern auch die verkleideten Massen zu bewegen. Die Erinnerungen und wohl auch die vielen langen Nächte schweissen Menschen zusammen. Bevor die beiden wieder zur Probe müssen, sagt Wymann: «Luzern braucht die rüüdige Täg», damit die Leute sich in wenigstens einer Jahreszeit nicht nur zusammennehmen müssen.

Verlosung

Infobox

Das sind die NÄBELHÜÜLER ÄBIKE

Hier findest du alle Fasnachtstermine, an denen die Näbelhüüler spielen: TERMINE