
Man schaut zu und weiss genau, dass irgendwas nicht stimmt. Die Karte kann nicht einfach weg sein! Sie muss irgendwo stecken: in der Faust, im Ärmel oder wenigstens unter dem Tisch. Und trotzdem ist sie weg. Für einen Moment glaubt man es wirklich und das hat nichts mit Dummheit zu tun. Das ist Neurologie.
Das Gehirn verarbeitet jede Sekunde ungefähr elf Millionen Bits an Sinneseindrücken. Bewusst verarbeitet werden davon lediglich 40. Der Rest wird abgekürzt, geraten oder einfach weggelassen. Nicht weil das Gehirn faul ist, sondern weil es keine andere Wahl hat. Vollständige Verarbeitung würde bedeuten, dass am Ende nichts mehr funktioniert.
1999 haben die Psychologen Daniel Simons und Christopher Chabris ein Experiment gemacht, das seitdem gefühlt in jedem zweiten Psychologie-Podcast landet. Versuchspersonen schauen ein Video und zählen Ballpässe. Mitten durch die Szene läuft ein Mensch im Gorilla-Kostüm. Bleibt kurz stehen, geht weiter. Fast die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat keinen Gorilla gesehen.
Die Erkenntnis ist nicht, dass Menschen unaufmerksam sind. Die Erkenntnis ist, dass das Gehirn aktiv entscheidet, was für uns existiert und was nicht. Das hängt damit zusammen, womit es gerade beschäftigt ist. Ein Zauberer, der eine Karte durch eine Handbewegung ablenkt, macht nichts anderes. Er gibt dem Gehirn eine Aufgabe und beschäftigt so vielleicht einige dieser 40 bewusst verarbeitenden Reize. Das Gehirn nimmt sie an unnd so entgeht uns der Schwindel.

Vorhersagen, die nicht aufgehen
Es gibt noch eine weitere Ebene. Das Gehirn produziert nämlich ununterbrochen Vorhersagen. Was kommt als nächstes, was ist plausibel, was ergibt Sinn und so weiter. Manchmal stimmen die Vorhersagen und manchmal auch nicht. Unabhängig von der Erfolgsrate wird das Gehirn weiter versuchen die nächsten Ereignisse und Umstände mit allen Möglichkeiten vorherzusehen.
Wenn die Vorhersage nun für eine Situation nicht aufgeht. Also wenn die Karte wirklich weg ist und so das Unmögliche passiert. Dann entsteht für einen kurzen Moment etwas, das die Neurowissenschaft simpel als «Vorhersagefehler» bezeichnet. Würde man diesem Begriff mehr Leben einhauchen, könnte man es einfach auch «Staunen» nennen. Ein guter Zauberer oder eine gute Zaubererin verkauft genau das. Es sind am Ende 3 Minuten, in denen das Gehirn kurz aufhört alles schon zu wissen oder sich zumindest so verhält.
Bei allem Respekt vor den Erklärungen, die die Magie eines Tricks aufdecken - der spannendste Moment kommt eigentlich davor. Der Moment, in dem man noch nicht weiss, wie der Trick funktioniert.
Man könnte sich nun fragen, ob es nicht eigentlich besser wäre, wenn das Gehirn die Welt einfach immer richtig wahrnehmen würde. Keine Lücken, keine Vereinfachungen und keine vorbeilaufenden Gorillas, die man komplett übersieht. Klingt erstmal ziemlich vernünftig.
Aber wahrscheinlich würde dabei auch einiges verloren gehen. Spannung im Film zum Beispiel oder dieser kurze Moment, in dem ein Zufall plötzlich bedeutungsvoll wirkt. Selbst imaginäre Gesichter in Wolken gäbe es dann vermutlich nicht mehr. Denn genau diese Ungenauigkeiten machen vieles Schöne im Leben überhaupt erst möglich. Magie funktioniert nur, weil das Gehirn sich täuschen lässt.
Das Gehirn weiss nicht immer, was real ist. Aber vielleicht ist genau das der Punkt?
Quellen
Simons, D. J. & Chabris, C. F. (1999). Gorillas in our midst. Perception, 28(9), 1059–1074. → dansimons.com
Kuhn, G. (2019). Experiencing the Impossible. MIT Press.
Clark, A. (2016). Surfing Uncertainty. Oxford University Press.