
Ja, sehr genau. Ich war 15 Jahre alt und mit meinem Vater in den USA unterwegs. Auf der Strasse habe ich einen Mann gesehen, der immer wieder ein Tuch verschwinden liess – das hat mich völlig fasziniert. Später entdeckten wir, dass das eigentlich Werbung war für einen berühmten Zauberladen von Louis Tannen.
Wir suchten diesen Laden und fanden ihn schliesslich im 14. Stock eines Gebäudes. Allein das war schon magisch für mich. Drinnen waren unglaublich freundliche Menschen, die einem die Tricks direkt vorführten, damit man sie zu Hause üben konnte. So etwas wäre heute kaum mehr vorstellbar.
Ich habe damals sehr viel gekauft und zu Hause die Tricks ausprobiert. Da ich zuvor beim Club Luzerner Zauberkünstler abgelehnt worden war und der Lehrer mir damals gesagt hatte, ich solle mit 18 wiederkommen, wollte ich es mit den neuen Tricks nochmals versuchen. Als ich dem gleichen Lehrer meine neuen Fähigkeiten vorführte, fiel ihm sprichwörtlich die Kinnlade runter – das Niveau in den USA war einfach ein ganz anderes. Solche Tricks kannte man hier noch nicht. Der Club hat daraufhin sogar seine Statuten angepasst und nimmt heute schon Kinder ab 12 Jahren auf. Heute bin ich selbst Botschafter des Magischen Rings.
Eigentlich wusste ich das schon mit acht Jahren. Clown und Zauberer – das war für mich immer klar. Ich hatte nie wirklich einen Plan B. Ich dachte zwar lange, ich hätte einen – aber in Wahrheit gab es keinen. Meinen Töchtern würde ich das allerdings nicht unbedingt empfehlen. (lacht)
Mich hat vor allem die Vielfalt geprägt. Ich habe immer gearbeitet, um mir meine Ausbildungen zu finanzieren, und war von allem beeindruckt. Besonders fasziniert hat mich die Verbindung der verschiedenen Disziplinen – dass sich Theater, Bewegung, Stimme und Bildende Kunst miteinander verweben lassen. Diese Vernetzung hat meinen Zugang stark geprägt.
Ich war immer eher ein sprechender Mime als ein klassischer Schauspieler. Der Ausdruck kam stark aus der Bewegung. Gleichzeitig musste ich immer darauf achten, dass sich diese Bewegungen mit der Zauberei verbinden – schliesslich trägt man oft präparierte Dinge am Körper. Aus diesem Zusammenspiel ist meine Bühnenfigur entstanden.
Kunst benennt die Dinge. Die Zauberei hinterfragt sie.
Ich fange an auf dem Stuhl herumzurutschen und rufe irgendwann «Laaaangweilig» (lacht laut). Nein, natürlich nicht. Zauberei ist ja ein Täuschungshandwerk. Das Schönste ist für mich, das Publikum zu beobachten, wie es sich der Magie hingibt. Ich habe diese Aussenansicht sonst nie. Das ist doch das Schönste daran. Auch das Storytelling mag ich sehr. Die meisten Tricks durchschaue ich tatsächlich, aber ich lasse mich immer wieder gerne beeindrucken und überraschen.

Zauberkunst ist ein ideales Mittel, um unsere Wahrnehmung zu hinterfragen. Sie kann entrücken – und auch verunsichern. Und genau in diesem Moment wird es spannend: Wenn Menschen verunsichert sind, werden sie offen. Gewohnte Denkmuster lösen sich auf, und es entsteht Raum für neue Perspektiven.
Ja, und das ist heute vielleicht das Faszinierendste für mich: dass man immer noch Neues erschaffen kann. Ich arbeite dabei oft mit Spezialist:innen zusammen – Konstrukteuren, die teilweise sogar für die Raumfahrt Dinge entwickelt haben. Sie helfen mir, meine Ideen weiterzutreiben.
Ich hatte einen wahnsinnig guten Lehrmeister. Er hat mir beigebracht, dass ich mir überlegen soll, was ich überhaupt machen will, anstatt welche Tricks ich lernen möchte. Sein Beharren auf dieser Frage hat mich weitergebracht. Ich habe mich nicht mehr von der Zauberei inspirieren lassen, sondern von Kunst, Musik, Malerei, Literatur. Ich habe viel gemalt. In der Malerei hast Du eine Langsamkeit, die Dir ein neues Denken ermöglicht. Es ist ein monatelanges Verharren in der Musse.
Meistens beginnt alles mit einer Geschichte. Ich sehe ein Bild vor mir, eine Atmosphäre, einen möglichen Abend. Dann schreibe ich zuerst. Am Anfang steht das Wort. Erst wenn ich weiss, wie der dramaturgische Bogen aussieht, beginne ich, die Zauberei einzubauen. Mit der Zeit ersetzt sie ganze Erzählstränge.
Ich zeichne auch viel. Das hilft mir, diese Welten zu entwickeln. Im Englischen sagt man: Be careful what you draw. Ich würde eher sagen: It’s important what you draw. Denn im Zeichnen gibt es keine Grenzen – und genau das erweitert den eigenen Horizont.
Alles, was erscheint, verschwindet auch wieder.