
Ich lese Bücher, welche schon gelesen wurden, die nicht frisch ab Presse sind, sondern von einer Staubschicht befreit werden müssen! In der dritten Ausgabe von «Gratis zum mitlesen»: «Leinsee»von Anne Reinecke.
Ein Ort mit Charme
Der Titel des 2018 erschienenen Debütromans von AnneReinecke verrät schon den Ort des Geschehens. Leinsee ist ein kleiner, fiktiver Ort in Deutschland. Das Künstler:innenpaar Ada und August Stiegenhauer besitzen eine schöne Villa mit Atelier, am See. Grosse Fenster, eine Terrasse, ein schöner Garten und sogar ein Bootshaus sind in ihrem Besitz. Die Stiegenhauers sind durch ihre Plastiken, in denen sie zerkleinerte und verbrannte Objekte in Harz verewigen, bekannt geworden. Die beiden haben einen Sohn: Karl. Er ist mittlerweile 26 und hat seine Eltern schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Er wuchs im Internat auf und kommt erstmals wieder nach Leinsee, als sich auf einen Schlag im Idyll alles verändert.
«Wissen Sie, das ist doch eine ganz falsche Vorstellung, dass ein Kind unbedingt zu seinen Eltern gehört! Woher kommt denn diese Vorstellung? … Kinder muss man loslassen!» – Ada Stiegenhauer
Karls Rückkehr
Die für unzertrennbar geglaubten Stiegenhauers sind auf einmal so weit voneinander getrennt wie nur möglich. Der Vater entschied sich für den Tod, um bei seiner Frau zu bleiben, im Glauben, dass sie bei einer Operation am Gehirn sterben würde. Karls Mutter, Ada, hat jedoch am Leben festgehalten und hat den Schritt ins Jenseits nicht mit ihrem Mann getan. Karl fährt nach einem Anruf der Polizei in sein altes Zuhause, wo das Seil noch immer an der Wohnzimmerdecke hängt.
Die Kunst als verbindendes Element
Nicht nur Karls Eltern sind bekannte Künstler:innen, auch er selbst hat sich in Berlin einen Namen gemacht. Unabhängig von seinen Eltern, da er seinen Nachnamen geändert hat und nur seiner Freundin von der Identität seiner Eltern erzählte. Ihre Kunst hat, vielleicht unterbewusst, die Gemeinsamkeit, dass sie beide Objekte in ein gleichbleibendes Material einschliessen. Karl verwendet dabei nicht Harz, sondern vakuumiert beispielsweise eine tote Taube in schwarzem Plastik. Die Kapitel des Buches sind jeweils mit Farben benannt, die einen Bezug zum nachfolgenden Text haben, was ich ein schönes Element finde. Es ist wie ein Spiel nachher im Text nach der Titelfarbe zu suchen.
« ‹Gott weiss›, das hatte der Vater schon immer gesagt. Immer schon, obwohl er überhaupt nicht religiös gewesen war. Als Kind hatte Karl geglaubt, das sei eine Farbe: allerweissestes Weiss, die Bartfarbe Gottes oder so.»
Wiederaufbau des Idylls
Karl ist nun der einzige Stiegenhauer in der Villa. Er macht sich auf, das Geschehene zu verarbeiten und sein Leben neu zu ordnen. Auf seine ganz eigene Art. Dies passt seiner Freundin aus Berlin leider gar nicht. Sie möchte, dass Karl so bald wie möglich wieder zurückkehrt. Doch Karl will bleiben, nicht nur weil ein Mädchen ihn von Zeit zu Zeit im Garten der Villa besucht.
Das Buch ist sehr leicht zu lesen, wenn auch nicht immer sehr spannend. Durch die Wiederholung von Geschehnissen entsteht eine gewisse Monotonie, welche mich manchmal etwas gelangweilt hat. Sie zeigt jedoch auf, dass Karl mit dem «normalen» Leben in Leinsee eigentlich glücklicher ist als mit dem Leben in Saus und Braus, welches er in Berlin lebte. Ich hegte bereits eine Vorahnung, welche Wendung das Buch gegen den Schluss nehmen wird, und diese hat sich leider bestätigt. Ich hätte mir ein anderes, unschuldigeres Ende gewünscht: Eine schöne Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft. Die Schriftstellerin hatte jedoch eine ungewöhnliche und etwas unbehagliche Liebesgeschichte im Sinn.