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In seiner Ausstellung am Kulturufer in Zofingen geht der Luzerner Fotograf Dennis Wittmann der Frage nach, welche Einflüsse unsere Generation prägen und wie sie bestimmen, was wir schön finden, wonach wir streben und mit wem wir uns vergleichen.
Das Wort prägen hat etwas Vertrautes. Ein natürlicher Prozess, der uns seit dem ersten Herzschlag begleitet. Gleichzeitig klingt es endgültig. Nach etwas Abgeschlossenem, das bereits hinter uns liegt. Wie bei einer Münze, die nach ihrem Guss geprägt wird. Ein Abdruck bleibt zurück. Doch ganz so einfach ist es nicht. Prägung passiert nicht nur einmal im Leben, im Gegenteil; sie passiert ständig. Einige dieser Einflüsse sind offensichtlich. Andere sind so selbstverständlich Teil unseres Alltags geworden, dass wir kaum noch wahrnehmen, welche Spuren sie hinterlassen. Und einer davon begleitet uns beinahe überallhin.
Klein genug, um in eine Hosentasche zu passen und gross genug, um zu entscheiden, was wir schön finden, wovor wir Angst haben und mit wem wir uns vergleichen. Wecker, Nachrichtenquelle, Unterhaltung, Spiegel und Bühne zugleich. Noch nie haben wir so viele Menschen gekannt, die schöner, erfolgreicher oder glücklicher zu sein scheinen als wir. Dabei vergessen wir leicht, dass auch diese Leben viele Seiten haben. Aber zum ersten Mal in der Geschichte begleiten uns diese Vergleiche Tag und Nacht.
Es gibt Generationen, die von Kriegen geprägt wurden. Andere von wirtschaftlichem Aufschwung oder politischen Umbrüchen. Unsere Generation wird von einem Bildschirm geprägt. Und dieser macht den Vergleich mit anderen allgegenwärtig.
Die Ausstellung «Was uns prägt» von Dennis Wittmann untersucht diese Thematik. Welche Spuren hinterlässt diese digitale Welt in uns? Zehn Fotografien sollen Gefühle wiederspiegeln, Trends hinterfragen und zum Nachdenken anregen.

Gleich beim Betreten der Ausstellung bleibt mein Blick an einem Motiv hängen. Darauf zu sehen ist eine Person, deren Gesicht von einer Blume verdeckt wird. Der Anzug sitzt, die Haltung wirkt kontrolliert und doch bleibt das Wichtigste verborgen. Ich frage mich wer dahinter steckt und versuche mir die fehlenden Teile selbst auszudenken.
Das Bild führt zu einer der vielleicht grundlegendsten Fragen der Ausstellung: Wer bin ich und wer möchte ich sein?
Unsere Persönlichkeit entsteht beeinflusst von der Umgebung, in der wir uns befinden. Menschen, Herkunft und Erfahrungen prägen uns ebenso wie gesellschaftliche Erwartungen und die Vorstellungen davon, was Erfolg, Schönheit oder ein gelungenes Leben ausmacht. Gerade in einer Zeit, in der scheinbar unzählige Lebensentwürfe möglich sind, wird die Freiheit, alles sein zu können, auch zur Herausforderung. Denn wenn alles möglich scheint, wird selbst die Freiheit zur Entscheidung überfordernd.
Auf dem nächsten Bild erscheint ein kleines Haus mit Garten. Das Bild ist unscharf, fast so, als würde man versuchen, sich an einen Ort zu erinnern, an dem man schon lange nicht mehr war. Es erinnert an eine Kindheit, wo Smartphones und das Internet noch Dinge waren, die man höchstens mal bei Mama oder Papa auf dem Schreibtisch gesehen hat. Das Haus symbolisiert Prägungen, die ganz am Anfang stehen: das Zuhause, in dem wir aufwachsen, unsere Familie, die Räume und Orte, die uns vertraut sind. Vieles davon bleibt, auch wenn die Erinnerung daran mit der Zeit unschärfer wird.
Neben melancholischen Kindheitstagen wirkt das Porträt einer jungen Frau mit Gesichtsmaske so vertraut, als würden wir es täglich im eigenen Spiegel sehen. «Selfcare» ist etwas alltägliches und wird gleichzeitig online inszeniert. Doch Grenze zwischen Fürsorge und Optimierung verschwimmt: Tue ich etwas für mich oder arbeite ich an einem Bild von mir, dem ich entsprechen und anderen zeigen möchte?
Ein deutlich grelleres Bild zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. In pinken Satin gebettet liegt eine schneeweisse Katze mit Schleife auf dem Kopf, die Pfoten wie eine Sphynx gelegt. Was zunächst humorvoll und glamourös wirkt, bekommt auf den zweiten Blick einen unangenehmen Beigeschmack. Zu sehen ist eine Scottish-Fold-Katze, eine Form der Qualzucht, geschaffen um zu gefallen, missachtend welche Auswirkungen diese Überzüchtung für das eigentliche Leben bedeutet. Das Tier wird zum Sinnbild dafür, wie weit menschliche Inszenierung gehen kann. Wir präsentieren online längst nicht mehr nur uns selbst. Haustiere werden zu Statussymbolen, Kinder zu Projektionsflächen. Und damit drängt sich eine neue Frage auf: Was sind wir bereit, in Kauf zu nehmen, um uns auf Social Media im besten Licht zu zeigen?

Am Ende führt vieles wieder zu jenem Gegenstand zurück, der uns täglich begleitet. Eine Hand hält ein Smartphone in die Höhe. Das grelle Licht lässt es fast so wirken, als würde es angebetet. Das Smartphone ist von einem Werkzeug zum ständigen Begleiter geworden. Zu einem Fenster, durch das tausende Welten auf uns wirken.
«Prägung» klingt zunächst nach Vergangenheit: nach Kindheit, Familie und Schule. Doch Dennis’ Bilder verstehen den Begriff als einen fortlaufenden Prozess, der uns ein Leben lang begleitet. In der Ausstellung stosse ich immer wieder auf Widersprüche: Nähe und Isolation, Freiheit und Erwartungsdruck, Selbstfürsorge und Selbstoptimierung, Herkunft und Aufbruch, Erinnerungen und Gegenwart.
Gerade darin liegt die Stärke der Serie. Ich sehe eine Generation, der scheinbar alle Möglichkeiten offenstehen und die gleichzeitig permanent mit Bildern davon konfrontiert wird, was sie sein könnte. Eine Generation auf der Suche nach sich selbst. Die Fotografien laden dazu ein, auch die eigenen Prägungen zu hinterfragen. Denn was uns heute prägt, erkennen wir oft erst morgen.
Vielleicht verhält es sich mit unserer Zeit genauso. Smartphones, Social Media, Schönheitsideale, Leistungsdruck oder die scheinbar unbegrenzte Auswahl an Lebensentwürfen sind so selbstverständlich geworden, dass wir ihren Einfluss kaum noch wahrnehmen. An diesem Punkt öffnen Dennis’ Bilder den Blick nach vorne. Wenn sich unsere Lebenswelt in immer kürzeren Abständen verändert, stellt sich nicht nur die Frage, was uns bis heute geprägt hat, sondern auch, was gerade erst damit beginnt.
Letztendlich finden wir uns alle wieder auf demselben Weg: Auf der Suche nach dem, was uns prägt und nach dem Menschen, den wir dadurch werden.
Die Ausstellung fand an einem Septemberwochenende statt. Weitere Ausstellungen von Kulturzofingen gibts hier.