Das magische Bild

Einen Pickel schnell verschwinden lassen, ein Fältchen wegzaubern: Mit Photoshop und anderen Bearbeitungsapps ist nichts einfacher als das. Wenn man will, kann man sein eigenes Foto so sehr verändern, dass man sich selbst nicht wiedererkennt. Dieser Drang nach Perfektion ist nicht ungewöhnlich.

Autor:in:
Layla Hollenstein
Titelbild:
z.V.g.
Hinweise:

Selbst unsere vermeintlich perfekten Vorbilder finden immer noch weitere Details, die sich an ihnen selbst optimieren lassen. Und auch schon unsere Vorfahren liessen sich lieber mit etwas blasserer Haut als ihnen eigentlich zu eigen war portraitieren. Aber auch wenn Sissi alles gab ihren Portraits zu entsprechen, glaubte man ihren Abbildungen doch nicht sofort. Heute hingegen erscheint ein perfekt ausgeleuchtetes Werbebild ebenso real, wie das verschwommene Familienfoto von Opas Geburtstag. Wieso beeinflusst uns dieser Impuls als Betrachtende heute also so anders als noch vor 150 Jahren?

Schon in vergangenen Jahrhunderten hat man Menschen in Bildern den gängigen Idealen nach verbessert. Die reichen Auftraggebenden, die sich von Künstler:innen malen liessen, bezahlten schliesslich nicht dafür, dass in ihren Portraits all ihre mehr oder wenig zahlreichen Makel zum Vorschein kamen. Sogar nachdem die Fotografie erfunden wurde, übermalte man die entstandenen Bilder, um die Taille kleiner oder das Haar voluminöser zu machen. Man Fotografierte verstorbene Menschen und malte ihnen Augen auf, um ein Andenken an sie zu haben. Der Impuls zur Bildverbesserung ist also kein modernes Phänomen. Dennoch bin ich der Meinung, dass es heutzutage eine etwas andere Auswirkung hat als noch vor dem digitalen Zeitalter.

Fotografie und Kunst

Als die Fotografie erfunden wurde, änderte sich die Idee davon, was wahre Kunst darstellte. Man wollte nicht länger eine idealisierte Version der Welt darstellen. Stattdessen sollte die Kunst das echte Leben widerspiegeln. Der Fotoapparat versteckte oder verbesserte nichts, wieso sollte es also die Kunst tun? Der Realismus stellte den Alltag normaler Bürger und Bürgerinnen dar. Aber wie auch in zahlreichen Kunstrichtungen zuvor, kam auch der Realismus nicht ohne Metaphern aus. Die Künstler:innen integrierten eigene politische Ansichten, Wunschvorstellungen und Gesellschaftskritik in ihren Gemälden. Oftmals waren diese Darstellungen für alle verständlich und wurden daher nicht als realitätsabbildend verstanden.

Kunst war also noch immer ‘künstlich’, doch wie stand es um die neu erfundene Fotografie? Denn abgesehen von dem oben erwähnten Übermalen der Fotos oder der gezielten Manipulation des Models durch entsprechend gepolsterte Kleidung gab es keinen schnellen Weg die Bilder zu bearbeiten. Auch wenn es Wege gab Fotografien zu manipulieren, bedeutete der damit verbundene Aufwand, dass stets mehr oder weniger klar war, was der Realität entsprach und was nicht. Hinzu kommt, dass die primäre Darstellungsform bis zu dem Zeitpunkt die Malerei war. Man war sich also gewohnt, dass Bild und Realität nicht 100% übereinstimmten und ging gar nicht erst davon aus. Die neue Erfindung war zudem teuer und wurde daher in seiner Inszenierung und öffentlicher Wahrnehmung oft wie ein offizielles gemaltes Portrait behandelt.

Alles geht schneller

Da mit der Zeit das Fotografieren einfacher und bezahlbarer wurde, begann auch die gröbere Allgemeinheit sich dieses Vergnügen zu leisten. Zwangsläufig wurden Portraitmaler:innen durch Fotograf:innen abgelöst und gestellte Familienfotos wichen alltäglichen Szenen. Doch noch immer waren die Möglichkeiten zur Bildbearbeitung begrenzt und eine vorteilhafte Darstellung abhängig vom Können des Fotografierenden und den finanziellen Möglichkeiten der Fotografierten. Die Fotografie wurde zum Beweismittel für Forschungsreisen, Familienurlaube und das alltägliche Leben.

Durch die Digitalisierung veränderte sich das jedoch auch wieder. Nun dient ein Foto nicht länger dazu spezielle Momente festzuhalten. Stattdessen ist es wieder zur inszenierten Repräsentation von uns selbst geworden. Das Licht ist nicht richtig? Kein Problem. Die Haut wirkt zu uneben? Ein Moment. Farben werden intensiver, Körper perfekter. Mit der Erfindung des Smartphones besitzt nun beinahe jeder einen kleinen Fotoapparat mit integrierter Bearbeitungsapp. Das in Kombination mit Socialmedia hat dazu geführt, dass die Fotografie zur eigenen Kunstform geworden ist. Ein Foto ist nicht mehr diese statische grundehrliche Darstellung der Realität. Szenen werden geplant, Körper im Nachhinein geformt und das Lächeln postproduktiv strahlender gemacht. Wir haben uns im Kreis gedreht und sind wieder bei der Metaphorischen genau durchdachten Bedeutung des Bildes angelangt.

Was nun?

In unseren Köpfen sind wir jedoch immer noch die gutgläubigen Realisten. Erst bei zu deutlicher Übertreibung und Künstelei wird auch den Letzten klar, dass das nicht mehr natürlich sein kann. Jedoch gehen nur die Wenigsten ganz so weit und lassen ihre Bearbeitungskünste die Grenzen der Realität nur leicht dehnen (oder zusammendrücken – je nach Ideal). Der Unterschied zwischen prä- und postdigitaler Zeit ist also, dass wir gerade erst dabei sind die Fotografie in ihrer Deutung zu verschieben und im Grunde schon wieder hinterherhinken. Durch die rapide Verbesserung von Bildmanipulation und -generierung durch AI wird sich die Schere zwischen Realität und Bild weiter vergrössern, womit der einstige Realitätsanspruch an eine Fotografie zwangsläufig seine Bedeutung verliert. Bis dahin schauen wir jedoch noch immer mehr oder weniger echte Instagram-Posts an und vergleichen unsere alltäglichen Körper mit perfekt-bearbeitet AI-Gestalten.

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