Mund-Kunst: Wie Kunst wortwörtlich mit dem Mund entstehen kann

Für die Märzausgabe und unser Thema «Mundart» wollte ich zuerst die eigentliche Definition des Wortes nehmen und etwas über die Schweizer Kunstszene schreiben. Als ich darüber nachdachte, was für unsere Lesenden spannend wäre und nicht in jeder Ausgabe vorkommen kann, kam mir eine Idee. Wieso unser Monatsthema nicht etwas wörtlicher nehmen? Schliesslich gibt es genug Menschen, die mit ihrem Mund «Art» herstellen. Wie ist das so? Und gibt es denn überhaupt so etwas wie «Schweizerische Kunst»?

Statt also die X-te Zusammenfassung des Werkes einer bekannten Schweizer Persönlichkeit herunterzurattern, habe ich dem Kunstverlag Au eine E-Mail mit einem Fragenkatalog gesendet. Rene Aigner von der «Genossenschaft mund- oder fussmalender Künstler» hat mir freundlicherweise alle meine Fragen beantwortet.

Wie lernt man das?

Der genossenschaftliche Kunstverlag wurde 1959 von Mundmaler A. E. Stegmann als Selbsthilfestelle gegründet. Er unterstützt kunstinteressierte Personen, die auf Grund von angeborenen Beeinträchtigungen, Unfällen oder Krankheiten ihre Hände nicht zum Malen verwenden können. Betroffene Menschen können an Kursen teilnehmen und über den Verlag ihre Kunst verkaufen. Die angebotenen Online-Workshops entstanden, nachdem Präsenzveranstaltungen während der Corona Phase eingestellt wurden.

Herr Aigner, Geschäftsführer des Kunstverlags, erklärt mir, wie ein Workshop am GMFK abläuft. Die Seminare sind in sechs Abschnitte unterteilt und behandeln Kunstrichtungen oder einzelne Werke. Meist richten sie sich nach den Interessen und Wünschen der Kunstschaffenden. Sie werden von aktiven Kunstschaffenden aus dem Verlag wie Editha Tarantino geleitet und dienen unter anderem dem Austausch zwischen den Künstler:innen. Die Struktur der Kurse teilt sich in verschiedene Blöcke auf: von den Grundlagen und Techniken bis hin zu praktischen Übungen und zum Kunstverständnis mit Analysen.

Individuelle künstlerische Entwicklung

Die Theorieteile zu Beginn dienen dazu, eine Basis zu schaffen und Hintergründe der Kunstlehre zu vermitteln. Dabei wird gleichzeitig in Besonderheiten des aktuellen Themas eingeführt. Auch die Einführung in die Kunstanalyse und die Schärfung des Kunstverständnisses dient zur Theoretischen Vorbereitung auf künstlerisches Schaffen. Dazwischen bereitet ein auf das Medium abgestimmter Technik-Teil auf die darauf folgenden praktische Arbeit am eigenen Werk vor. Da für viele Personen mit angeborener Beeinträchtigung der Hände die Verwendung ihrer Füsse oder des Mundes die natürliche Art ist sich in der Welt zurechtzufinden, dienen die Workshops oftmals mehr der individuellen künstlerischen Entwicklung als dem Erlernen physischer Fähigkeiten.

Ein Werk von Lea Otter (z.V.g.)

Die Praxis-Blöcke bieten Raum zum Ausprobieren. Dort können die Künstler:innen ihre Techniken erproben, gelernte Theorien anwenden und künstlerischen Fertigkeiten schärfen. Die Bilder werden phasenweise aufgebaut, was viel Raum für Verbesserung und Übung ermöglicht. Aktuell wird vorwiegend mit Acryl gemalt, da diese Farbe einen grossen Spielraum für verschiedene Techniken bietet und sich gut individuellen Möglichkeiten und Wünsche der Mund- oder Fussmaler:innen anpasst. Es werden jedoch auch Aquarelle hergestellt und einige Kunstschaffende bevorzugen Öl- oder Gouache- Farben. Der Wahl des Mediums und der Techniken sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Ein Werk von Bracha Fischel. (z.V.g.)

Die Identität Schweizer Künstler*innen?

Auf diese Weise können sich die Malenden eine eigene Identität innerhalb der Kunstszene erarbeiten. Je nach Inspirationsquelle entwickelt jede Person eine eigene Charakteristik, die sich unter anderem aus Motivwahl gepaart mit der individuellen Malart des Kunstschaffenden zusammenstellt. Mit ihrer einzigartigen Sicht auf die Welt haben sich einige Mitglieder der Genossenschaft der mund- oder fussmalender Künstler einen Namen gemacht. So wurde die NZZ schon vor über zehn Jahren auf die deutsche Fussmalerin Antje Kratz aufmerksam und drehte eine kurze Video-Reportage über sie. Aber auch die Schweizer Mundmalerin Bracha Fischel wurde schon oft videographisch begleitet und interviewt. Die Frage nach einer Schweizerischen Kunst ist jedoch schwierig zu beantworten, denn auch viele internationalen Mund- oder Fussmaler:innen lassen sich von Schweizer Motiven leiten und geben diese wieder. Es lässt sich also nicht eine einzige Schweizerische Künstler:innen-Identität festlegen. Wie in jedem künstlerischen Schaffen sind die Werke so unterschiedlich wie die Menschen, die sie erschaffen.

Bracha Fischel malt einen süssen Hund. (z.V.g.)

Auf meine abschliessende Frage, wer ihn inspiriert und was er sich für die Gemeinschaft wünscht, antwortet Rene Aigner:

«Ein Kunstwerk ist für mich die Sicht der Dinge durch andere Augen und wir erkennen neue Bedeutungen. Es sind die Werke, die den Denkraum erweitern, eigene Annahmen hinterfragen und dazu anregen die Leistung zu sehen, wie jedes einzelne Original entstanden ist. Es gibt eine grosse Auswahl an inspirierenden Werken.

Ich würde euch gerne die von der Mundmalerin Ruth Rieser formulierter Gedanken mitgeben: «Ich liebe mein Leben trotz allem.» und «Deinen eigenen Weg wagen.» Die Leistungen von Menschen mit Beeinträchtigung ist unabhängig von deren persönlichen Umständen zu sehen.

Aktuell sind für das Jahr 2026 keine Präsenzanlässe in der Schweiz geplant. Auf dem Onlineshop des Kunstverlages kann man jedoch Werke in Form von Grusskarten, Geschenkpapier oder Papeterie-Artikeln erwerben.

Verlosung

Infobox