
Lieber Gunther und lieber Kai! Besten Dank für eure Zeit. Glückwunsch zum neuen Band. Eure nun mehr achte Übersetzung. CHAPEAU! Diesmal wurde aus dem ««Der Sehe»“ «Der Lüücheböüdel» (fränkisch für der Lügner).
Ein grosses Spektakel für Klein und Gross! Es war ein grosses Pläsier den lesen zu dürfen. Ihr beide habt einen journalistischen und sprachwissenschaftlichen Hintergrund, kennt euch seit den 1990er-Jahren und liebt Comics. Wer kam ursprünglich auf die Idee? Und wie entstand der erste Band?
Gunther: Ich hatte von der ersten Asterix-Mundartübersetzung gehört, und zwar auf Schwäbisch. Das war 1995 der Band «Der grosse Graben», auf Mundart «Dr große Graba». Da war mir klar: Das brauchen wir Franken auch. Ich musste nur noch das Übersetzerteam finden. Doch mit meinem Mitbewohner Hans-Dieter Wolf, seines Zeichens Psychologe, Experte für sehr trockenen Humor und Comicfan, sowie mit dem Würzburg Native und Premium-Comic-Nerd Kai Fraass, war das schnell klar: Wir sind das Meefränggisch-Trio. Auch die Auswahl des ersten Bandes, den wir übersetzen wollten, lag auf der Hand: Die Tour de France (dt. Titel, im franz. Original «Tour de Gaulle», Band 6 der Asterixreihe) – das war die perfekte Einladung für uns zu einer Übertragung der Originalgeschichte nach Mainfranken mit dem Titel «Dour de Frangn». Man muss vielleicht erklären: Es gibt drei Franken: Ober-, Mittel- und Unterfranken. Durch Unterfranken fliesst der Main, weshalb man auch von Mainfranken spricht, also im Dialekt von Meefrangn.
Wie entsteht die Story? Wie teilt ihr die Rollen beim Übersetzen der Figuren auf? Gibt es klare Aufgabenverteilungen?
Kai: Die Story entsteht bei uns nicht erst am Schreibtisch, sie beginnt schon bei der Auswahl des Bandes. Wir suchen zuerst einen Asterixband, der in unsere Region passt, weil wir die Geschichte ja gedanklich nach Mainfranken rüberziehen wollen, vom Gefühl her, von der Tonalität, von der ganzen Atmosphäre. Und es muss ein richtig guter Band sein, einer, den wir im Original genial finden. Wenn wir selber nicht grinsen, staunen, hängenbleiben, dann wird es in der Mundart auch nicht lebendig.
Wenn der Band steht, arbeiten wir uns Seite für Seite in die Szenen rein. Bei unseren ersten Sitzungen gemeinsam, um uns miteinander in die Story einzugrooven. Nach einigen Sitzungen hat jeder für sich ein paar Seiten als «Hausaufgabe» zu übersetzen und dann setzen wir uns wieder zusammen und finalisieren den Text, klären den Sinn, also was wirklich passiert, welche Pointe dahinter steckt, wie die Figuren in dem Moment ticken. Dann kommt der Schritt, der für uns entscheidend ist: Wir überlegen, wie das auf Mainfränkisch natürlich klingt, nicht wie eine Übersetzung, sondern wie eine echte Aussage, die man hier am Stammtisch oder in der Familie genau so hören könnte.
Gunther: Trotzdem ist das keine Fliessbandarbeit. Wir arbeiten in Schleifen und hören uns gegenseitig gnadenlos zu. Einer macht einen ersten Wurf, dann lesen wir die Seite laut, wirklich wie ein kleines Hörspiel. Da merkst du sofort, ob eine Zeile zu lang ist, ob der Rhythmus bricht, ob eine Pointe zu spät kommt, ob ein Wort zwar korrekt ist, aber nicht nach Mainfranken klingt. Dann wird nachgeschärft, gekürzt, gedreht, manchmal komplett neu gebaut.
Ist es bei euren Liveauftritten dann auch so oder tauscht ihr euch von Zeit zu Zeit ab?
Kai: Für unsere Lesungen sind wir in der Rollenverteilung ziemlich klar, und genau das hält die Figuren stabil. Ich spreche immer Asterix, Gunther immer Obelix. Das ist nicht nur eine nette Regel, das ist unser Trick für Wiedererkennung. Asterix braucht dieses schnelle, trockene, manchmal leicht spitze Tempo. Obelix darf breiter sein, staunender, wuchtiger. Wenn jeder dauerhaft seine Figur im Ohr hat, bleibt der Charakter über den ganzen Band hinweg konsistent, auch bei langen Dialogen und Running Gags. Den Rest der Protagonisten teilen wir möglichst mit gleichem Umfang auf.
Gunther: Und weil Mundart bei uns keine Deko ist, achten wir auf die feinen Dinge: wiederkehrende Ausrufe, typische Lieblingswörter, der Tonfall, der bei Asterix anders sitzt als bei Obelix. Das muss sich durchziehen, sonst klingt es wie beliebiges Dialektstreuen. Am Ende soll es so wirken, als würde die Geschichte schon immer hier in Würzburg, der Hauptstadt Mainfrankens, spielen. Mit unserem Humor, unserer Direktheit, unserer Wärme. Genau deshalb starten wir mit dem richtigen Band, und genau deshalb haben wir diese klare Rollenaufteilung.

Worin besteht eure Liebe zur Mundart? Bei euch ist sie ja offensichtlich so ausgeprägt, dass ihr sie sogar im Mainfränkischen im Comic verewigt habt.
Kai: Für mich ist Mundart/Dialekt keine Spielerei und auch kein Folklore-Accessoire. Das ist die Sprache, in der bei uns Nähe entsteht. In der du sofort hörst, ob jemand dich meint, oder nur so daherredet. Mainfränkisch hat Ecken, Tempo, Witz, und vor allem eine eigene Logik. Es kann liebevoll sein, ohne kitschig zu werden, und scharf, ohne gleich verletzend zu klingen.
Gunther: Dialekte sind ja im deutschen Sprachraum die ursprüngliche, echte und ausschliesslich regional gebundene Sprache. Das Dudendeutsch ist ja ein Kunstprodukt, das erst Anfang des 20. Jahrhunderts entstand. Kein Wunder, dass Dialekt so ehrlich, so authentisch und so treffsicher gilt. Er transportiert ja auch jeden Menge Kulturgeschichte und Mentalität einer Region, ja er ist ja selbst ein Kulturgut. Eingebettet in die historisch bedingte Lebenswirklichkeit dieser Region.
Kai: Dass wir das im Asterix verewigt haben, ist eigentlich die konsequente Folge. Asterix lebt ja von Rhythmus, Pointen, Missverständnissen, vom Klang der Sätze. Und genau da spielt Mundart ihre Stärke aus. Wenn Obelix auf Mainfränkisch schimpft oder staunt, dann ist das nicht einfach «übersetzt», dann ist das wie neu vertont. Du merkst plötzlich, wie sehr Humor über Sprache funktioniert. Und du merkst auch, wie viel Identität da drin steckt, ohne dass man ein grosses Schild hochhalten muss.
Mir geht es dabei auch um Wertschätzung. Viele verbinden Dialekt mit «nicht korrekt» oder «nicht gebildet». Ich sehe das komplett anders. Mundart ist präzise, sie ist reich, sie hat Wörter für Dinge, die Hochdeutsch oft nur umständlich umkreist. Und sie ist ein Stück Heimat, das man nicht im Museum abstellt, sondern benutzt. Im Alltag, im Gespräch, und eben auch in Geschichten.
Gunther: Das bedeutet auch, dass wir nicht versuchen die möglichst ältesten Dialektwörter zu verwenden, sondern die, die heute gebräuchlich sind und auch moderne, die heute dazukommen. Des is fei dibbidobbi steht für tipptopp und meint: Es ist alles in Ordnung.

Schweizerdeutsche Dialekte sind euch bekannt oder versteht ihr da nur Bahnhof?
Kai: Ich verstehe Schweizerdeutsch tatsächlich ganz gut. Ich habe mich da über die Jahre reingehört, einfach weil ich oft in den Alpen unterwegs war. Am Anfang war es natürlich ungewohnt, aber irgendwann erkennst du Rhythmus und typische Wendungen, dann wird aus «Bahnhof» plötzlich ganz normales Verstehen. Und ehrlich gesagt, als Dialektmensch macht einem das sogar Spass.
Gunther: Als gelernter Sprachwissenschaftler feiere ich das Schwiizerdütsch als eine wunderbare, eigenständige Sprachform, die viel an Identität, Eigenständigkeit und Historie ausdrückt. Und für uns auch immer ein bisschen exotisch klingt. Wie wahrscheinlich umgedreht unser Meefränggisch auch.
Gunther: Wie schon erwähnt gibt es einen Dialekt nur in dieser jeweiligen Region, ortsgebunden. Und der Bocksbeutel – wir feiern heuer übrigens sein 300. Jubiläum – wurde in Würzburg erfunden und darf weltweit nur hier befüllt werden! Er ist regionale Kulturgut. Und Würzburg die Bocksbeutelhauptstadt der Welt. Da ist klar, dass das eine wichtige Rolle in unserer Übertragung spielen muss. Und weil sich der Franke generell ja gerne etwas weltoffen zeigt - obwohl er in Wirklichkeit völlig zufrieden mit seinem Franken ist und es nur ungern verlässt – haben wir den Zaubertrank ins Fränglisch übertragen, also in eine Art fränkisch-englisch: Magic wird auf Meefränggisch zu Mädschigg. Und ein Glas Wein bezeichnet man bei uns als Schobben. So entstand der Mädschigg-Schobben, der natürlich nach Genuss Ganzkörperwellness verleiht!
Die beiden Gallier waren ja auch schon in der Schweiz und im letzten Band sogar bei ihrem 25. Auslandseinsatz in Portugal. Gelesen?
Gunther: Ja, der neuen Band ist wieder sehr stark. Mal sehen, ob er in die engere Wahl für unseren neunten Band auf Meefränggisch kommt …
Ihr kommt ja bald schon in den zweistelligen Bereich. Bestünde denn nicht auch die Möglichkeit, dem Schweizer Abenteuer einmal eine Chance zu geben?
Kai: Ich sage es ganz offen und ich hoffe, ich mache mich nicht unbeliebt, aber «Asterix bei den Schweizern» ist nicht unbedingt mein Lieblingsband. Tut mir leid. Ich will deine Gefühle nicht verletzen. Schbässle!
Gunther: Obwohl ich schon einige interessante Ansätze sehe: Was den Meefrangn in nahezu kultischer Verherrlichung der Silvaner, das ist den Schweizern der Käse. Auch wenn er Löcher hat. Und witzigerweise bezahlt man in der Schweiz mit Franken, in Franken aber nicht mit Schweizern!
Kai: Gerade weil wir nur unseren Dialekt verwenden dürfen, müssen wir beim Band doppelt sicher sein. Wir übertragen ja nicht nur die Handlung in unsere Region, wir tragen auch den kompletten Ton in die meefränggisch Mentalität. Wenn wir das Original nicht wirklich passend finden, dann merkt man das am Ende zwischen den Sprechblasen, selbst wenn man handwerklich sauber arbeitet.
Kennt ihr Mundart-Übersetzer euch eigentlich untereinander? Oder ist man sich zumindest schon auf einem Comic-Festival oder Literaturfest begegnet? Ich stelle mir das ehrlich gesagt etwas romantisch vor – im Sinne von, dass man sich gegenseitig die neuen Bände schenkt. Team Schwäbisch an Team Fränkisch usw.
Gunther: Ja, wir haben einige kennengelernt. Allen voran mit den Hessisch-Übersetzer Jürgen Leber und dem Ruhrpöttisch-Übersetzer Hennes Bender hatten wir mal ein wunderbares Interview zum Erlanger Comic-Salon.
Kennt ihr eigentlich die Schwiizerdütsche Übersetzung von Jürg H. Huber?
Gunther: Ja, klar. Habe ich sogar zu Hause. Gut gemacht!
Müsste es eurer Auffassung nach Dialekt- beziehungsweise Mundartunterricht in Schulen geben? In Graubünden gibt es so etwas ja. Und wenn ja: Wie würde dieser nach eurem Verständnis nach aussehen?
Kai: Ja, ich fände das sehr gut. Nicht als Pflichtfach mit Notendruck, sondern als Angebot, das zeigt: Mundart ist Sprache mit Regeln, Klang und Geschichte, nichts zum Schämen, nichts für die Schublade. So wie ich mir das vorstelle, wäre es eher Werkstatt als Unterricht. Die Kinder bringen Wörter von zu Hause mit, sammeln Redewendungen aus dem Ort, fragen die Grosseltern nach Ausdrücken, die fast verschwunden sind. Dann wird damit gearbeitet: kurze Dialoge schreiben, kleine Szenen spielen, Podcasts aufnehmen, Comics nacherzählen, sogar Rap-Texte oder Mini-Hörspiele. Da merkt man ganz schnell, wie Dialekt Rhythmus hat und wie präzise er sein kann.
Gunther: Da bin ich voll bei Kai. Ich habe schon ein paar Mal in Schulen Dialektprojekte mit begleitet, zum Beispiel Omas Kochbuch aus Karlstadt bei Würzburg. Das hat den Schülern viel Spass gemacht und aus den Gesprächen mit den Grosseltern haben sie viel über die frühere Lebenswirklichkeit und den Sprachwandel gelernt.
Kai: Wichtig wäre mir auch der Blick aufs Hochdeutsch. Nicht als Gegner, sondern als zweites Werkzeug. Dialektunterricht könnte zeigen, wann welche Sprache passt, wie man zwischen beiden wechselt, und warum das keine Schwäche ist, sondern Stärke. Wer Dialekt bewusst sprechen kann, versteht Sprache insgesamt besser. Und damit es nicht bei Nostalgie endet, würde ich das modern anpacken. Dialekt in WhatsApp Nachrichten, in Memes, in kurzen Clips, in Comics, genauso, wie Jugendliche heute kommunizieren. So wird Mundart nicht konserviert, sondern benutzt. Genau darum geht es ja.
Gunther: Kai, genauso fänd ich des dibbidobbi!
Aktuell gibt es 106 Asterix-Dialektbände in 33deutschen Mundarten, von Tirolerisch über Hessisch bis Plattdeutsch, inkl. dreiauf Schwyzerdütsch. Dazu gibt es noch 13 weitere Bände auf Elsässisch,Luxemburgisch und Berndeutsch. Hier die Übersicht: Listeder Mundart-Ausgaben von Asterix – Wikipedia
Der erste Band auf Meefränggisch, die 29.Mundart in der Reihe, erschien 2003. Bisher wurde rund 150.000 Bänder derinsgesamt acht Ausgaben verkauft. Für die kleine Region ein beachtlichesErgebnis.
Laut Verlagsangaben wurde bisher über 5Millionen Mundartbände verkauft. In einigen wenigen anderen Sprachen gibt es einzelneRegional- oder Mundartausgaben (z.B: Finnland, Frankreich, Griechenland).