Schräg, schön und voller Perlen

Die Bad Bonn Kilbi bleibt auch 2026 ein Festival, das weniger kuratiert wirkt als zusammengesetzt nach einer Logik, die sich erst vor Ort erschliesst: Das Schräge steht neben dem Schönen, das Sperrige läuft teilweise zur besten Spielzeit und die Perlen finden sich auch mal mitten im Nachmittag. Alle Jahre wieder ein schönes Ereignis. Wir haben versucht, mitzuhalten.

Autor:in:
Lorenzo Liem & Sarah Melillo
Titelbild:
Lorenzo Liem
Hinweise:

DONNERSTAG

Bevor die ersten Gitarren, Drumcomputer und Stimmbänder ertönten, stellte sich am Donnerstag zunächst eine andere Frage: Wie schmecken Kartoffel-Gelato? Das Hyperglacé von Foodporn lieferte darauf eine Antwort, die uns durchaus positiv überraschte. Stocki und Milch lagen auf dem Tisch, aber es bleibt ein kulinarisches Rätsel, denn das genaue Rezept wollte man uns nicht verraten. Wir tippen auf einen Hauch Zitrone.

Diesen Start trieb im Hintergrund Vinnieragua’s the Hardcore Trainer auf seinem Hardcore Trainer an – auf einem selbstgebauten Konstrukt aus Hometrainer, Soundsystem, Roller-Plastikverkleidung und Kabeln. Gabber traf auf Kartoffel, Workout auf Dessert. Ein passender Auftakt für drei Tage Kilbi. Während dasein, DreamPop/PostRock aus Fribourg, bereits nachmittags für einen vollen Club sorgte, standen beim Sartorius Drum Ensemble RLLRLRLLRRLRLRLRLLRLRLR wenig später die Trommeln im Zentrum. Es war das erste von insgesamt fünf Konzerten, bei denen Julian Sartorius mitwirkt – über alle drei Tage verteilt mit drei verschiedenen Projekten. Ist das ein Rekord?

Etwas traditioneller in der Formation und wohl auch im Sound wurde es mit Fantasy of a Broken Heart und Horsegirl. Gleich zwei Bands standen nacheinander auf dem Programm, die momentan auch ausserhalb der Kilbi zusammengehören: Fantasy of a Broken Heart begleiten Horsegirl auf Tour – für Düdingen wurden sie allerdings unabhängig voneinander und zufälligerweise direkt hintereinander gebucht. Ein kleiner – sehr passender - kuratorischer Zufall. Fantasy of a Broken Heart aus New York kennen die Regeln des Popsongs offenbar gut genug, um sie nur ungefähr zu befolgen. Prog, Indie und unerwartete Abzweigungen klangen live wie ein angenehm verspieltes Durcheinander. Bei Horsegirl sass danach alles etwas fester. Die Chicagoer Band, inzwischen auch in New York zuhause und bei Matador Records unter Vertrag, hat ihren noisigeren Indie-Rock zuletzt stark reduziert: weniger Gitarrenwand, mehr Luft, klare Stimmen, trockene Gitarren. Minimalismus also; nur die Bühne wirkte für diese Musik fast ein bisschen zu gross.

Einen anderen Minimalismus brachte Crotisa Star auf die Bühne: allein, mit ihren Studiotracks im Rücken, legte sie ihre Stimme darüber, die sich durch Autotune und Verzerrung vervielfachte. Die selbsternannte «Underground Rap Princess» aus Delaware wurde mit dem Song Fun viral und klingt live gleichzeitig roh und völlig artifiziell. Bassübersteuert, digital zerfranst; Rap für eine Gegenwart, in der Person, Persona und Feed ohnehin niemand mehr sauber unterscheiden kann. Wir verfrachteten uns einmal mehr in den Club und wurden positiv überrascht. Die Kilbi-Website kündigte Erreurjean mit «Noise Me Baby One More Time» an, und viel genauer muss man eigentlich gar nicht werden. Helle, euphorische Synthies trafen auf metallisches Scheppern, Noise und Geschrei. Das konnte nur im Hier und Jetzt stattfinden. Einer unserer liebsten Momente dieser Kilbi-Ausgabe.

Mit Prostitute führte die amerikanische Linie des Donnerstags an einen deutlich düstereren Ort. Die Band kommt aus Dearborn, Michigan, einer Stadt mit einer grossen arabisch-amerikanischen Community. Musikalisch treffen Industrial Punk und Noise-Rock auf Einflüsse aus arabischer Musik, politisch auf die verzerrten Feindbilder eines post-9/11-Amerikas. Live kam vor allem die Wucht an, dicht und konfrontativ, beinahe martialisch. Der Inhalt der Texte bleibt weitestgehend im Sound verschüttet. Ist das performativ? Vielleicht müssen Songs, die aus der Erfahrung des Nichtgehörtwerdens entstanden sind, auch im eigenen Lärm untergehen.

Im Anschluss fühlte sich A Good Year wie das Öffnen eines Fensters an. Das dänische Duo war von Anfang an nicht nur als Musikprojekt gedacht: Ihr erstes gemeinsames Werk Sofina erschien 2024 gleichzeitig als Soundtrack und Film. Entsprechend gehörten Bild und Klang auch live so selbstverständlich zusammen, dass kaum auszumachen war, was hier eigentlich die Begleitung von was war. Akustische Gitarren und folkige Melodien trafen auf Drumcomputer und bearbeitete Stimmen; auf der Bühne war jedes Element so präzise gesetzt, dass das Ganze zeitweise als Installation wirkte. Eine Szenografie so stimmig, dass wir einfach gerne hinsahen.

Die Verschnaufpause währte allerdings nicht lange. Den endgültigen Übergang in die Nacht übernahm DJ Marcelle, und kaum jemand verkörpert den Kilbi-Gedanken so zuverlässig wie sie. Die Amsterdamer DJ ist hier längst so etwas wie Inventar; bereits in früheren Kilbi-Ausgaben wurde sie als «Maîtresse der Plattenteller» gefeiert. Rund 20'000 Vinyls besitzt sie nach eigener Aussage. Dub traf auf Free Jazz, Post-Punk auf Techno, Dancehall auf Noise. Kaum hatte man verstanden, in welchem Genre man sich gerade befand, hatte Marcelle längst ein neues daraus gebaut, und den Donnerstag endgültig in die Nacht entlassen.

Ein Donnerstag, der auffällig amerikanisch geprägt war. Für einen Abend wirkte Düdingen auf uns wie ein Auffangbecken für all jene, die nicht recht in das gegenwärtige Amerika passen wollen. Vielleicht war das Zufall. Bei der Kilbi weiss man das nie so genau. Sicher ist nur: Der Penis am riesigen Kartonroboter (die diesjährige Installation) hat den Donnerstag nicht überlebt.

 

FREITAG

Der Freitag begann dort, wo die Kilbi zum Idyll wird: am See. Die Seeorgel machte aus dem Strand eine kleine Performancezone. Während sich die Badefreudigen im ehrlicherweise etwas schlammigen Wasser abkühlten (gut... wir vergleichen das jetzt mit dem Vierwaldstättersee), lauschten andere den Klanglandschaften, die sich an diesem Nachmittag über den See legten. Besonders in Erinnerung blieb uns Héloïse, das Solo-Projekt der Zürcher Sängerin und Perkussionistin Sabina Leone. Zwischen Schlagzeug, Loops, Stimme und Elektropop verwandelte sie das Seeufer in einen kleinen Klangorganismus – mal verspielt, mal deutlich punkiger.

Überhaupt war Musik dieses Jahr nicht nur auf den Bühnen zu finden. Während aller drei Festivaltage hatte sich bei den WCs/Toitois ein Piano Garden eingenistet: eine Installation aus zwei sich gegenüberschauenden Klavieren, die über die letzten Monate hinweg der Witterung überlassen wurden und wie eine kleine Parallelwelt neben dem eigentlichen Programm existierten. Zwischen zwei Konzerten, auf dem Weg zur Toilette oder irgendwann nachts konnte plötzlich wieder irgendwo eine Taste angeschlagen werden – mal von halb- und mal von ganz offiziellen Performances.

Zurück auf dem Gelände behandelte der Schlagzeuger Julian Sartorius Rhythmus weniger als Begleitung, denn als Forschungsgegenstand. Diesmal standen Schläuche, Trommeln und Percussion im Zentrum. Beats wurden wiederholt, verschoben, und auf ihre Einzelteile reduziert. Eine Snare klang plötzlich nach einer Mischung zwischen Trommel und Panflöte. 

Bei Ugly ging es anschliessend wieder konventioneller zu, zumindest auf den ersten Blick. Die Gruppe aus Cambridge hat in den vergangenen Jahren einen ziemlich genre-fluiden Weg zwischen Indie, Folk, Art-Rock und mehrstimmigen Arrangements zurückgelegt. Live blieb davon vor allem eine angenehme Unangestrengtheit hängen.

Bei Dino Brandão hätten wir gerne genauer hingehört. Das wollten allerdings offensichtlich auch alle anderen. Die Schlange zog sich bis vor die grössere Stage gegenüber, auf der er eigentlich hätte spielen sollen. Wir schafften es leider nicht hinein. Dino on a hype. Vom Strassenmusiker über Tourneen mit Faber und Sophie Hunger bis zu seinem eigenen «Afro-Psych» aus Jazz, Samba, Folk und Hip-Hop – diese Geschichte hätten wir gerne erzählt. 

Drook holten uns mit deutlich mehr Geschwindigkeit zurück. Irgendwo zwischen Dream-Pop und Shoegaze, aber ohne die übliche ätherische Bewegungslosigkeit: viel Energie, viel Präsenz, viel Vorwärtsdrang. Vor allem die Sängerin zog uns in ihren Bann, rastlos unterwegs über die Bühne. Shoegaze, bei dem erstaunlich wenig auf die Schuhe geschaut wurde.

Seelisch-körperliche Erfahrung oder einfach sehr viel Bass – wahrscheinlich beides. KMRU & Aho Ssan liessen den Raum mitsamt Publikum um eine Dimension erweitern. Die Musik war weniger in den Ohren zu hören als im Brustkorb und Boden zu spüren. 

Bei JJJJJerome Ellis rückte schliesslich der Text ins Zentrum. Ellis, der sich selbst als «proud stutterer» bezeichnet, macht das Stottern nicht zum Hindernis seiner Arbeit, sondern zu einem ihrer Ausgangspunkte. Schon der Name trägt es mit: fünf J. Die ersten Stücke widmete Ellis der eigenen Grossmutter; die Texte wurden gleichzeitig auf eine Leinwand hinter der Bühne projiziert. Eine schöne Idee, gerade bei einer Performance, in der Sprache so im Zentrum steht. Leider kämpfte das Set anfangs immer wieder mit technischen Störungen. Predigt, Rap, Musik und Erzählung fanden schliesslich trotzdem zueinander. 

Von Sprache ging es bei One Leg One Eye tief hinein in Klangwelten. Hinter dem Projekt steht Ian Lynch, bekannt von der irischen Experimental-Folk-Band Lankum. Folk ist hier allerdings nur noch der entfernte Ausgangspunkt: Field Recordings, Drone, Noise fühlten sich trotzdem nach irischen Traditionen an. 

Bei Kavari war mit Kontemplation dann wieder Schluss, nach dem Motto mehr ist mehr; maximalistisch, basslastig und hyperaktiv: Dubstep, Trap, House und Clubsounds jagten sich gegenseitig durch den Raum. Wenn noch irgendwo Platz in einer Frequenz übrig blieb, wurde er vorsorglich ebenfalls gefüllt. 

Den passenden Schlusspunkt setzte DECIUS. Drei Männer hinter Maschinen, Lias Saoudi vorne, und plötzlich klang die Kilbi wie ein verschwitzter Kellerclub aus einer Vergangenheit, die nie existiert hat. Das Londoner Projekt zieht Acid House und Disco durch Punk und schmutzigen South-London-Hedonismus; die eigene Musik wird nicht ohne Grund mit queeren Dancefloors und nächtlichem Exzess kurzgeschlossen. Irgendwo zwischen 80er-Vogueing, Acid- und Gay-Disco. 

SAMSTAG

Am Samstag war die Kilbi genau so, wie wir sie lieben, im Liminal-Bereich von Konzert, Theater und Performance. Den passenden Auftakt lieferte Renée van Trier. Die niederländische Performancekünstlerin bewegt sich zwischen Musik, visueller Kunst und Theater und beschäftigt sich immer wieder mit den Mechanismen der Popkultur und der Mischung zwischen Biografie und Fiktion. Auf der B-Stage sass sie zunächst in einem Käfig und erzählte in einem Spoken-Word-Monolog von «ihrer» psychisch kranken Mutter. Die Anführungszeichen schienen dabei fast mitzuspielen: Was davon war autobiografisch, was Rolle, was reine Erfindung? Gerade weil sich diese Grenzen nicht auflösen liessen, wurde die Aufführung unangenehm intim. Man hörte einer Familiengeschichte zu und ertappte sich gleichzeitig bei der Frage nach Faktualität. Der Käfig stand dabei nicht nur als Requisite in der Mitte der Bühne – er schien irgendwann das ganze Verhältnis zwischen Performerin und Publikum zu beschreiben. Ein verstörender Einstieg in einen Tag, an dem die Kilbi die Grenze zwischen Musik und Performance immer wieder verschieben sollte.

Bei Ultra Cute wurde wenig später der Körper selbst zum Material. Hormonspritzen waren Teil der Performance, am Merchstand gab es gebrauchte «Panties» der Band zu kaufen, im Club dazu Harsh Noise und Dunkelheit. Mehr war alles – oder vielleicht war «mehr» inzwischen einfach der Ausgangspunkt.

Dass Maschinen an diesem Wochenende ebenfalls ein Eigenleben führten, hatte Vinnieragua bereits am Donnerstag bewiesen. Am Samstag kehrte er mit seiner One Man Acid Band zurück: Eine selbstgebaute Apparatur, die halb Instrument, halb Maschine und halb etwas war, das in einer Garage besser nicht unbeaufsichtigt stehen sollte. Mathematisch geht das nicht auf, musikalisch schon. Acid wurde hier nicht bloss abgespielt, sondern sichtbar hergestellt: Kabel, Schläge, Bewegung, Geschwindigkeit.

Spätestens mit Die Brennnessel war der Theatermodus vollständig aktiviert. Was zunächst noch harmlos als Konzert begann, kippte mitten im Set in eine gut zehnminütige Tanzperformance. Clowneske Masken wurden aufgesetzt, um das Konzert ausklingen zu lassen. Vieles blieb bewusst irritierend und überdreht, in einer wechselseitigen Kommentierung von einer Performanceform in die andere.

Einen ganz anderen Raum erzeugte später Nyron Higor. Palmen erschienen auf den Visuals, davor der brasilianische Musiker mit Gitarre, und plötzlich war Düdingen für eine Weile ziemlich weit weg. Seine Musik verbindet brasilianische Traditionen mit Jazz, Folk und zeitgenössischer Produktion; live blieb davon vor allem eine erstaunliche Intimität. Wenig Spektakel, wenig Schutzschicht, viel Stimme und akustischer Klang. Nach all den Masken und Maschinen fast schon radikal schlicht.

Auch bei Milkweed lag mehr Wert auf Klang als auf Performance. Das britische Duo arbeitet mit Stimme, Banjo und einem Tisch voller Effekte und zieht traditionelle Folkstoffe durch Lo-Fi, Drone und experimentelle Schleifen. Eine einzigartige Live-Darbietung, in der die Titel, die man von den Studioalben der Band kennt, nur im Geist wieder aufgenommen wurden. Hier wurde nicht repliziert, sondern neu konfiguriert. Die Stücke schienen ineinander überzugehen, als würde sich ein einziges langes musikalisches Kontinuum durch den Raum ziehen.

Brainrot Cowboy beendete die diesjährige Bad Bonn Kilbi für uns. Vom Balkongeländer der Cocktail Lounge aus lauschten wir den letzten Klängen, Drones und Noises eines Festivals, das immer wieder überrascht und gleichzeitig unser alljährlicher Rummelplatz der Neugier bleibt.

 

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