
Die Show zum neuen Album «Live At Hollywood Bowl» war keine klassische Konzertreise durch ein paar neue Songs. Sie war eher eine emotionale Durchschleuderung. Innerhalb von zwei Stunden wurde man einmal durch alles geworfen, was ein Mensch fühlen kann: Trauer, Hoffnung, Freude, Wut, Liebe, Kontrollverlust, Trost. Mal tobte der Saal, mal wurde es still. Mal schrien wir uns bei Songs gegen Faschismus die Seele aus dem Leib, mal klangen kleine, funkelnde Perlen durch den Raum, die so vorsichtig wirkten, als könnten sie zerbrechen, wenn man zu laut klatscht. Wir tanzten zu «Wir sitzen hier und schlabbern Aperol» und schlossen die Augen bei «Zwei Himmel». Es war magisch.

Fortuna Ehrenfeld beherrschen genau diese Zumutung: Sie lassen Gegensätze nicht nebeneinander stehen, sie schmeissen alles in eine Setlist. Eskalation und Verletzlichkeit, Krawall und Poesie, Humor und Abgrund. Es ist diese eigentümliche Mischung aus Chaos, Haltung und Herzenswärme, die den Abend trägt. Selten bin ich innerhalb weniger Minuten so sehr in ein Konzert eingetaucht. Es hat mich aufgefangen, herausgefordert und demütig gemacht.
Der wohl intensivste Moment kam bei «Schau mein Bruderherz ich blute». Martin setzte sich allein ans Piano. Und dann passierte etwas, das man in dieser Echtheit selten erlebt: Er weinte so sehr, dass er den Song kaum zu Ende spielen konnte. Nicht inszeniert, nicht pathetisch, nicht kalkuliert. Einfach ein Bär von einem Mann, der echte Emotionen zeigt. Im Publikum standen viele mit Tränen in den Augen. Für einen Moment war das Bierhübeli kein Konzertsaal mehr, sondern ein gemeinsamer, stiller Ort für Schmerz, Liebe und das, was man sonst oft nicht auszusprechen schafft. Martin Bechler ist ein unfassbarer Musiker, der ein riesiges Herz hat. Der auch mal einen älteren Herrn in der ersten Reihe umarmt, weil ihm auffällt, dass dieser vor Rührung weint bei «Zwei Himmel».

Gerade deshalb funktionierten die wilden Momente danach umso stärker. Weil sie nicht nur Party sind. Sie sind Befreiung.Dieses Hin und Her zwischen leiser Zerbrechlichkeit und kollektiver Eskalation machte den Abend so gross. Fortuna Ehrenfeld rissen Türen auf, warfen Mikrofonständer umher, hielten einem die Hand und liessen einen danach wieder tanzen.
«Wer ein Konzert von Fortuna Ehrenfeld besucht, ist danach ein anderer Mensch». Diesen Satz hat Büne Huber vor zwei Jahren gesagt, als Fortuna bereits im Bierhübeli spielten. Ich gab ihm damals bereits recht und würde es auch jetzt wieder unterschreiben. Es war ein Wechselbad, ja. Aber eines, aus dem man seltsam gereinigt wieder auftaucht. Ein bisschen erschöpft, ein bisschen (sehr) verliebt in die ganze Band, und ein bisschen fassungslos.
Genau für solche Momente liebe ich Live-Konzerte. Was Fortuna Ehrenfeld hier abgeliefert hat, würde keine KI jemals auch nur im Ansatz hinbekommen. Bäm.