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Es gibt Themen, denen wir lieber ausweichen. Der Tod gehört dazu. Und erst recht der Suizid. Oft wird geschwiegen bei dem Thema. Mit ihrem zweiten Album «Goodbye Lullabies» tut Meret Siebenhaar etwas anderes: Sie schaut hin. Und sie lässt die Musik sprechen.
Am 27. Februar 2026 erschien ein Werk, das sich ohne Umschweife damit befasst. Meret Siebenhaar hat ihren jüngeren Bruder durch Suizid verloren und ein Album erschaffen, das ihm und seinem Leben, aber auch ihrer Trauer gewidmet ist. Acht Stücke, aufgenommen im Atelier der Musikerin in Emmenbrücke, behutsam eingefangen von Mario Bruderhofer, bewegen sich zwischen Klavier, Bratsche, E-Gitarre und elektronischen Texturen. Im Zentrum steht etwas Unsichtbares: der Versuch, mit einem Verlust weiterzuleben, der alles verändert.
Die Stücke geben diesem tieftraurigen Thema einen Raum. Es ist nicht leicht, die Stücke zu hören. Gerade die Schweizerdeutschen Texte, auf die man als Schweizer:in automatisch hört, lösen Gänsehaut aus. Der Einstieg ins Album ist der Song «Jährt». Der erste Satz: «D'Sonne hed gschone am schlimmschte Tag vo mim Läbe». Sofort ist man mittendrin. Die Songs bieten Raum für Schmerz, für Erinnerung, für Wut vielleicht auch. Und fürZuversicht. Indem sie über das spricht, worüber viele schweigen, leistet Siebenhaar einen Beitrag zur Enttabuisierung von Suizid.
Wer das Album hört, begegnet fragilen Klavierlinien, schwebender Bratsche von Nora Vetter und fein gesetzten E-Gitarren Momenten von Klara Germanier. Dazwischen elektronische Flächen, die sich anfühlen, als würde man umarmt.
Die Musik ist minimalistisch, intim und zugleich experimentell. Man spürt die Nähe zur freien Szene, zu improvisatorischer Offenheit. Und doch sind da klare Songstrukturen, die Orientierung geben. Die Texte sind direkt und unverblümt. Sie umgehen weder die Abgründe noch verlieren sie sich im Pathos.
Der Kritiker Pirmin Bossart schrieb bereits 2022 über Siebenhaars Pianospiel, sie lasse Dissonanzen und präparierte Heftigkeiten zu, verliere aber nie den Überblick über die wunderschönen Verwandlungen des Einfachen in das Erweiterte. Diese Haltung zieht sich auch durch das neue Album: Es darf reiben, es darf weh tun, aber es bleibt getragen von einer feinen, fast versteckten Romantik.
Auch Arno Oehri betonte kürzlich die Eleganz, mit der Meret Siebenhaar die Untiefen des Kitschs umschifft und dem Publikum keine voyeuristische Rolle zuweist. Genau darin liegt die Stärke dieser Musik.
Nach ihrem Debüt «Treibgut» aus dem Jahr 2024 vertieft Meret Siebenhaar mit «Goodbye Lullabies» ihre künstlerische Sprache. Präparierter Flügel, Synthesizer und Stimme verschmelzen zu Klangbildern zwischen radikaler Offenheit und subtiler Schönheit. Fragilität und Kraft erscheinen nicht als Gegensätze, sondern als zwei Seiten derselben Erfahrung.
Wer genau hinhört, entdeckt Details: ein Atemzug, eine leise Verschiebung im Akkord, ein Zerren in der Stimme. Wer loslässt, findet vielleicht etwas anderes: eigene Erinnerungen, ungeweinte Tränen, oder einfach den Trost, nicht allein zu sein.
Albumtaufe Meret Siebenhaar
Freitag, 13. März
Neubad Luzern, Pool
Türöffnung: 20 Uhr
Eintritt: Ermässigt 25.- / Basispreis 30.-/ Solipreis 35.-