Unmaskiert, unverhüllt und ungezähmt – «Carmen» der Bühnen Bern

Carmen lebt und liebt – ganz nach ihren eigenen Regeln, gänzlich so, wie es ihr beliebt. Inspiriert von der im Jahr 1845 erschienenen Novelle nach Prosper Mérimée sowie Georges Bizets gleichnamiger Oper, wird «Carmen» als ausdrucksstarke Figur und Geschichte von den Bühnen Bern erstmalig in eine tänzerische Choreografie übersetzt.

Autor:in:
Lisa Maria Kocher
Titelbild:
Gregory Bataron
Hinweise:

Das neu inszenierte Tanzstück spielt mit starken thematischen Kontrasten und scheinbaren Gegensätzen, die zugleich innigst umschlungen und unheilvoll miteinander verschränkt sind; zwischen Verführung und Verlangen, Anziehung und Ablehnung, Hingabe und Widerstand – zwischen Liebe und Tod – bewegt sich das choreografische Narrativ.

Verheissungsvolle Töne klammern sich aus dem Orchestergraben empor und lassen das muntere Stimmgewirr des saalfüllenden Publikums allmählich verklingen. Nachdem auch das Licht gedimmt und der schwere Bühnenvorhang aufgezogen ist, bildet das Berner Symphonieorchester den musikalischen Auftakt: die bekannte Melodie eines Glockenspiels stimmt das bevorstehende Stück ein. Die schlicht gehaltene Bühnenkulisse lässt die sinnliche Bewegungssprache des Tanzensembles unterstreichen: starke Posen, rasche Schrittsequenzen und repetitive Schwingungen versetzen das Publikum anfänglich in die düstere Stimmung eines Nachtclubs, anstelle des eigentlichen, originalgetreuen Spielortes einer Zigarettenfabrik. In stetiger Resonanz zur Musik werden die Bewegungen der Tänzer:innen mit der Zeit immer flüssiger und sanfter – mal sind diese federleicht wirbelnd, dann wieder elegant über den Bühnenboden schwebend.

Wenn Masken fallen – und Hosen gleich mit!

Stück für Stück werden die Masken also sinnbildlich abgelegt und es kommt performativ zum Vorschein, was sich im tiefsten Innern der Protagonist:innen verbirgt. Insbesondere die tänzerische Figur des Stiers, welche hinter dunkel eingefärbten Fensterscheiben aus Klarsichtfolie gefangen ist, verkörpert mit seinen animalischen Trieben eine unbändige menschliche Begierde. Fragen nach krankhaften Zügen von Eifersucht, obsessiven Besitzansprüchen sowie einer Dämonisierung des weiblichen Körpers – durch den männlichen Blick von José – werden unter tiefhängenden Gewitterwolken am Bühnenbildhimmel ausgehandelt.

Im Zentrum steht der zerreissende, innere Kampf von José als zurückgewiesener Liebhaber Carmens, der sich gleichwohl um Liebe wie auch um Rache sehnt. Diese spürbare Zerrissenheit und sprühende Wut spiegeln sich auch in Josés verzweifelten Bewegungen sowie den wild umherrennenden Gestalten anderer Tänzer:innen nieder. Schichtenweise – von Szene zu Szene – entblösst José seine tiefliegenden Gefühlsregungen und exponiert sich dem Publikum somit unverhüllt in einer nackten Verletzlichkeit. Doch nicht nur symbolisch, sondern auch

wortwörtlich zeigt sich José «füdliblutt»: Inmitten des Stücks fallen ihm vollkommen unverhofft seine zuvor noch eng anliegenden Hosen runter – und das direkt vor Carmen!

Carmen, eine eigenständige Figur oder männliche Projektion?

Ebenso unverblümt und unverhohlen tritt die Figur der Carmen auf und überzeugt mit ihrer temperamentvollen Bühnenpräsenz. Erotische Anspielungen, provokative Bewegungsflüsse und eine gänzlich selbstbestimmte, rebellische Haltung schildern das ungezähmte Wesen von Carmen. Mit ihrer leidenschaftlich lebendigen Art wird sie zum Inbegriff der «femme fatale» und berührt gleichzeitig durch eigene moralische Aufrichtigkeit. Furchtlos blickt sie ihrem tragischen Schicksal ins Antlitz und stellt sich dem blutig zu erahnenden Ende. Welche Figur oder vielleicht auch welches systemische Gedankengut hinter dem Mord an Carmen steckt, das sehen wir als Zuschauende nicht – diese interpretative Auslegung wird dem Publikum selbst überlassen.

«Die Liebe ist ein rebellischer Vogel, der nicht zu zähmen ist», resümiert das Zitat aus Prosper Mérimées Novelle den tänzerischen Abend im Stadttheater Bern. Ob nun als feministischer Akt oder politische Brisanz gelesen; der Stoff von Carmen hat keineswegs an Aktualität verloren. Carmens bekleideter Körper fungiert in diesem Stück als Leinwand – als nackte Projektionsfläche – männlichen Begehrens und gescheiterten gesellschaftlich-normierenden Wünschen. Es lohnt sich also in jedem Fall, sich auf die tänzerische Inszenierung einzulassen und ansehen zu gehen!

Verlosung

Infobox

Aufgrund der grossen Nachfrage wurden die Spieldaten bis in den Februar 2026 hinein verlängert. Bereits jetzt sind die Tickets jedoch fast schon wieder ausverkauft… Tickets sind HIER erhältlich.