
Zunächst zeichnete sich wenig ab vom Gruselkabinett. Atmosphärische Lounge-Musik von Angie Addo durchhallte den Pool im Neubad, der geschmückt war mit Lichtern, einer kleinen Bar, paar Hockern und Liegen. Ab und zu wandelten die sieben lebendigen Ausstellungsexponate, überzeichnete Freaks und Clowns, um die abwarteten Besucher:innen herum: Interessierte, analysierende Blicke, Getuschel und Smalltalk, Prosten. Und dann wurden die Besucher:innen in die Räume gebeten…
Christoph Fellmann verfasste die dokumentarischen Monologe zu diesem vom Festivalteam kuratierten Figurenkabinett, welches auf existierenden aber kaum bekannten Personen beruht. In Zusammenarbeit mit Damiàn Dlaboha und Béla Rothenbühler wurde dieses begehbare Menschenmuseum inszeniert, welches in gewisser Hinsicht das szenische Pendant zur Ausstellung «Körperwelten» sein konnte – es gewährte tiefe Einblicke in den Menschen hinein.
Die Wohnung, der Seminarraum, die Terrasse: Jegliche Räume im Neubad waren Privatsphären der Figuren, in die man eingeladen wurde. Auf ihren absurden Spielwiesen, auf der sie und ihre Geschichten Deutungshoheit erlangten, waren ihnen die Besucher:innen direkt ausgeliefert. Der immersiven Sogwirkung stellte sich keine schützende Bühnengrenze entgegen, man steckte im gleichen Raum mit einem Freak, dessen Spiel plötzlich gar nicht mehr so inszeniert daherkam. Mitunter auch der Leistung der Bandbreite an namhaften lokalen Schauspieler:innen zu verdanken.
Unmittelbar, berührend und beklemmend waren die Monologe über Wein neben toten Flüchtlingen, Krypto-Archipel-Staaten, Wasser-Investments oder Dark-Tourism. «Katastrophentourismus» trifft das Ungemach ziemlich gut, welches sich im Brustkorb breit machte, sobald man als Besucher:in und Teilhaber:in von einer Geschichte zur nächsten reiste. Man wurde Teil dieser Menschenschau, wurde gespiegelt und selbst ausgestellt, um sich gegenseitig als Menschen zu beschauen. Das Gruselkabinett wurde plötzlich äusserst vertraut, da dieses sich gerne als die gegenwärtige Normalität kaschiert.
Diese Normalität konnte dann auch nicht mit den Referaten zurechtgerückt werden, die die Themen der Figuren wissenschaftlich vertieften und zugänglich machten. Von Wissenschaftler:innen nüchtern dargelegt, ohne Schminke, Pathos und Spiel, erschienen die Inhalte und Kontexte genauso freakig wie wenn diese über die Figuren exponiert wurden – oder gar noch freakiger. Schlussendlich wurde in diesem Format nichts mehr überhöht, nichts mehr behauptet. Das dokumentarisch Offensichtliche kam hier am Zenit an und die Besucher:innen konnten keine Verantwortung mehr an eine Regie oder Schauspieler:in delegieren.
Spätestens dann wurde klar, dass diese Freaks mit ihren clownesken und figurativen Kostümen, die Birgit Künzler entworfen hatte, eigentlich total normal sind. Denn sie leben unter uns und mit uns zusammen in dieser gegenwärtigen Normalität, die ihre Spielwiese ist, in der der Moral-Ball hin und her geworfen wird wie beliebt. Die Figuren kaschierten sich nicht, sie übertrieben sich nicht – nein, sie waren vollends nackt und ehrlich. Sie waren den Besucher:innen ausgeliefert. Und gleichermassen waren die Besucher:innen es ihnen. Die Nacktheit ist das Freakhafte!
Früher war im Neubad Badekleidung noch Pflicht gewesen, doch bei der «Menschenschau» wurden alle «füdliblutt» ausgezogen. Darum fröstelte es so!
Die vierte Ausgabe der ««Menschenschau» wird voraussichtlich vom 4. bis 7. November wieder im Neubad Luzern stattfinden.