
Discokugel, Scheinwerfer, Lichterketten, Mikrofone: Die aktuelle Produktion «James Brown trug Lockenwickler» der Voralpentheater-Gruppe NAWAL ist eine Show und Alltäglichkeit zugleich. Sie ist so schräg wie sie auch ernsthaft ist. Céline Dion vor dem Publikum und Céline Dion privat, und ihre Eltern, die ihren Sohn nicht mehr wiedererkennen (wollen). Auf Grundlage des Stücks der französischen Theaterautorin Yasmina Reza werden Identitäten verhandelt und die Frage gestellt, inwiefern man sich «von weit hergebrachten Typologien» befreien kann, ohne durch das Geschlecht und die Gesellschaft eingeschüchtert zu bleiben.
Die Show ist nicht nur Bühne, sondern Psychiatrie, ein Garten oder eine Strasse – ein Safe Space, in welchem Céline, ihr botanisch besorgter Zimmerfreund, die verzweifelten Eltern und die «kurlige» Psychiaterin das (Un-)Mögliche von Selbstbildern ausspielen. Die Selbstverständlichkeit gegenüber Identitäten schafft es, die Thematik nicht zu pathologisieren – auch dank der Regie von Reto Ambauen und dem feinfühligen Spiel des Ensembles. Alle agieren auf derselben Ebene. Niemand ist verrückt, niemand ist normal.
Die schillernde Bühnenausstattung von Bernadette Meier, Martin Finsterle und Bruno Gisler überlässt den Figuren viel Raum für Tiefgang, Persönlichkeit und Ausdruck. Das dichte Spiel holt das Publikum von Beginn an ab und bringt es durchgehend herzlich zum Lachen, da man den Figuren und ihren Träumen nur das Beste wünscht, aber auch die Ernsthaftigkeit dahinter versteht. Selbst Märchenerzählungen manifestieren sich zu einer feministischen Wirklichkeit, die nichts umgeht: Schönheitsideale, Normen, fluide Geschlechtervielfalt und Erwartungshaltungen – und wie auch cis-Männer von solch einer neuen Wirklichkeit profitieren.
Die zweite Schweizer Inszenierung des Stoffs befreit Identitäten aus ihrer existenziellen Abhängigkeit von anderen, löst sie aus ihrer Starrheit heraus, während andere wiederum einfrieren. Und wenn jemand Kaltherziges wieder mal laut ausruft: «Unser Sohn ist gaga!», würde ich entgegnen mit: «Nein, nicht Gaga, sondern Céline Dion!»
«James Brown trug Lockenwickler» wird Ende Februar und Anfangs März noch sieben Mal im Theater Pavillon Luzern aufgeführt. Tickets sind hier erhältlich.