Zeig dich füdliblutt

BeReal sollte uns zurück ins echte Leben holen: ungefiltert, nahbar, füdliblutt. Die App zeigte, wie sehr User:innen von Alltags-Content anderer angezogen werden. Unspektakuläre Momentaufnahmen fesseln stärker als jedes perfekt kuratierte Profil. Warum interessiert uns das Leben Anderer so sehr, selbst wenn es absolut gewöhnlich ist? Eine Suche nach der Alltagsneugier.

Autor:in:
Aicha Sene
Hinweise:

Füdliblutt: Leben und Tod von BeReal – wollen wir authentisch sein?

Als BeReal in den App-Charts nach oben kletterte, fühlte es sich an wie ein digitaler Befreiungsschlag. Eine App, die versprach, uns füdliblutt zu zeigen – nackt, unverhüllt, ohne Inszenierung. Keine Filter, keine Schönheitsalgorithmen, keine Werbeunterbrechungen, keine Influencer. BeReal wollte ein Gegenentwurf zu den perfekt inszenierten Bildern von Instagram und TikTok zu sein. Statt hochglanzpolierter Selbstdarstellung gab es hier den rohen, unaufgeräumten Alltag.

Der tägliche Impuls, das berühmte «Time to BeReal», ein digitales Klopfen an der Tür: Zeig dich jetzt. So, wie du gerade bist. Eine Momentaufnahme ohne Vorbereitung. Ein Versuch, den digitalen Alltag wirklich unverhüllt einzufangen.

Die anfängliche Attraktivität: Sehnsucht nach Echtheit

In der digitalen Landschaft traf BeReal einen Nerv. Viele sehnten sich nach Ehrlichkeit, wollten eine Pause vom perfekten Lächeln und den algorithmisch optimierten Lebensentwürfen. Die App stellte die einfache, aber intime Frage: Wer bist du gerade wirklich?

Mit diesem Blick hinter die Kulissen wird Intimität erzeugt. Freundschaften fühlten sich realer an, wenn man neben Urlaubsfotos auch jemanden beim Geschirrspülen, Lernen oder gelangweilt im Büro sieht. Es war eine einfache Wahrheit, die berührte.

Druck zur Authentizität

Die Zeit sollte aber das Gegenteil beweisen: die Authentizität wurde zur Täuschung. User:innen begannen, das Posting zu verzögern und auf einen «besseren» Moment zu warten. Die Inszenierung der Nicht-Inszenierung nahm Fahrt auf.

Der Druck, «normal» und «nahbar» zu wirken, ist letztlich genauso künstlich wie der Druck, perfekt zu wirken. Authentizität wurde zur Rolle. Man wollte nicht gut aussehen, aber zumindest die Art von Person verkörpern, die ‘ungezwungen’ ist.

Der schleichende Tod von BeReal

Die Entzauberung dauerte nicht lange. Nutzer:innen ignorierten die täglichen Aufrufe und verliessen schliesslich die App. Die meisten erkannten: Das echte Leben ist nicht jeden Tag erzählenswert.

Wenn alle nackt sind, ist diese Nacktheit nicht mehr aufregend. BeReal war plötzlich weder aufregend noch besonders, sondern nur ein weiteres soziales Netzwerk, das alltägliche Ereignisse in Content verwandelte.

Ging es uns je um Echtheit? Oder wollten wir einfach intime Einblicke in fremde Leben? In der Praxis funktionierte BeReal oft wie ein unspektakuläres Reality-TV. Ein Blick in Küchen, Büros, Schlafzimmer. Authentizität wurde zum konsumierbaren Trend, verpackt in einem neuen Format, blieb aber weiterhin Content und damit marktfähig.

Warum «Füdliblutt» unangenehm ist – online wie offline

Nackt sein, im wörtlichen wie übertragenen Sinn, macht verletzlich.

Wir alle haben ein Bild von uns selbst: cool, abenteuerlustig, kreativ, aussergewöhnlich. Ein Bild, das wir pflegen und das wir bestätigt sehen wollen. Nackt und unkontrolliert in die digitale Öffentlichkeit zu treten, widerspricht diesem Wunsch. Deshalb übernehmen wir Kontrolle. Wir zeigen uns so, wie wir gesehen werden möchten. Und genau da beginnt die Selbstinszenierung. Selbst eine «ehrliche» App bleibt eine Bühne.

Parallel wächst seit Jahren das Interesse an Gegenbewegungen: «Unplugging», «No Filter», etc.
Menschen wollen Authentizität. Aber noch mehr wollen sie Ruhe vom Blick anderer. Vielleicht zeigt der Niedergang von BeReal genau das: Die ehrlichsten Momente sind jene, die wir nicht dokumentieren.

Wie viel Nacktheit ertragen wir digital wirklich?

BeReal wollte uns füdliblutt zeigen – und wir fanden heraus, dass wir dafür nur bedingt bereit sind. Wir wollen authentisch wirken, aber nicht unbedingt authentisch sein – zumindest nicht unter den Augen anderer.

Am Ende hat BeReal nicht versagt. Die App hat User:innen vor Augen geführt, dass die Suche nach Echtheit im digitalen Raum immer ein Dilemma bleibt zwischen Offenheit und Kontrolle. Es bleibt der stille Wunsch, gesehen zu werden. Aber nicht zu sehr.

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